Nächtlicher Blick auf den HuangPu-River und den 'Bund' von meinem Appartment aus

Montag, 6. September 2010
Zwischendurch
Ja, ich weiss, meine Reise nach USA ist - zumindest hier, d.h. bloggerisch - noch nicht beendet. Der letzte Teil kommt schon noch.

Oft sind es die kleinen Dinge die passieren und zu denen ich mir oft denke "klasse, das verewige ich in meinem Blog". Und am naechsten Tag hab ich's vergessen und die Begebenheit ist auf immer verloren. Nicht so in diesem Fall, aus vielen Aergernissen bin ich schlauer geworden und habe den Vorfall an mich selbst als SMS geschickt.

Unterhaltung in einer Karaoke-Bar, irgendwo in China:
Kollege: "Hey Max, now is your turn to sing"
Max: "Are you sure you want this?"
Kollege: "Of course, everybody needs sing"
Max: "But I'm not sure what song I should sing"
Kollege: "No problem, you take famous song from US, it is 'American Pizza'".
Max:"?... aerhm... you mean 'American Pie', maybe?"
Kollege: "Sure, whatever..."
Max: "..."

... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 16. Dezember 2009
Wenn einer eine Reise tut oder Vom Regen in die Traufe (2)
Ich verlasse die abgewrackte 747 in Chicago O’Hare International Terminal und habe mit immerhin fast 2 Stunden genügend Zeit fürs Umsteigen, sollte jetzt nicht noch etwas Unvorhergesehenes passieren. Wie zum Beispiel die 12 Kilometer lange Schlange vor mir an der Immigration. Aus der Traum! Bei dieser Anzahl an Personen vor mir wird es unmöglich sein, den Flieger rechtzeitig zu erreichen – vom vorher anstehenden Wechsel der Terminals (international zu domestic) ganz zu schweigen. Ich versuche zu tricksen und spreche einen der uniformierten Beamten an, ob ich – aufgrund der Verspätung meiner Maschine und dem in Kürze erfolgenden Anschlussflug zu meiner Familie (das sollte wirken, schließlich ist in 4 Tagen Weihnachten) – nicht ein bisschen nach vorne könnte. Ich erkenne echtes Mitleid in seinem Ausdruck, höre aber die Worte „sorry, son, you gotta wait like all the others“. Mist, hat nicht geklappt, hätte mich aber zugegebenermaßen auch gewundert. Jedoch, nach ca. 2 Minuten Anstehen in den schier endlosen zick-zack-Reihen von Absperrbändern, wird ein weiterer Teil der Halle mit Beamten der Einwanderungsbehörde bestückt und es stehen ca. 20 unbesetzte Schalter zur Verfügung. Wie aber aus der Mitte der Schlange am Absperrband vorbeikommen, ohne verhaftet zu werden? Die Vorurteile über die Strenge der amerikanischen Immigration Officers sind ja weithin bekannt.
Vor mich tritt der Beamte von vorhin, öffnet – man glaubt es kaum – genau an meiner Stelle das Absperrband und winkt freundlich, mit den Augen zwinkernd in Richtung der offenen Schalter. Juhuu! Ich stürme los und bin nach weitern 2 Minuten immigriert und warte am Gepäckband 3 auf meinen Koffer. Countdown zum Weiterflug minus 1:35 – Max, das schaffst Du. Zumindest wenn das Gepäck bald kommt. Meine Stimmung ist bestens und ich freue mich auf den baldigen Weiterflug nach Ft. Myers, Florida, Land der Orangen und des warmen Winters.
Countdown minus 1:25, das Gepäckband Nummer 3 springt and und quälende Minuten lang kommt kein einziges Gepäckstück. Doch dann, endlich, der erste Koffer erscheint und ein langer Strom an Taschen, Koffern, Stoff- und Plastiktüten, Kartons und Golfbags erbricht sich auf das kreisende Band. Von den Umstehenden Personen nimmt keiner eines der Gepäckstücke auf, und auch mein Koffer ist bisher noch nicht erschienen.
Die Situation klärt sich nach kurzer Zeit auf. Die Passagiere aus Madrid mögen sich doch bitte an Band 3 begeben, da sich fälschlicherweise ihr Gepäck dort befindet. Vom benachbarten Band 4 höre ich ein mehrfaches „Que?“ und kurz darauf werden die aus Shanghai angekommenen Passagiere unsanft von madrilenischen Ellenbogen zur Seite geschoben.
Countdown minus 1:15, „Die Damen und Herren angekommen aus Shanghai, hier eine kurze Information zu Ihrem Gepäck. Aufgrund von Schwierigkeiten bei der Entladung Ihrer Gepäckstücke wird sich die Ausgabe noch wenige Zeit verzögern.“. Aha, klingt ja super, die Hoffnung auf eine kühles Bier zum lauen Sommerabend in Florida schwindet.
Countdown minus 1:05, der letzte Spanier hat seine Kiste Rioja vom Band abgeholt und selbiges stoppt. Leichte Frustration setzt ein und ich mache mir nun ernsthaft Sorgen um mein Weiterkommen.
Countdown minus 0:45, mir ist klar dass das Gepäck entweder jetzt kommt, oder mein Flieger fliegt ohne mich.
Countdown minus 0:15, mein Flieger fliegt ohne mich. Wenn er nicht Verspätung hat, aber wer glaub schon an ein solches Wunder.
Countdown plus 0:10, „Meine Damen und Herren am Band 3, der Flieger aus Shanghai hat leider vereiste Gepäcktüren, weshalb sich das Entladen…“. Den Rest des Satzes nehme ich nicht mehr war, denn mein Kopf droht zu platzen! Was ist das denn?!? Vereiste Türen?!? In Chicago?!? Der Stadt, in der gefühlte 11 Monate im Jahr Temperaturen unter Null Grad Celsius herrschen!?! Damit war natürlich nicht zu rechnen ihr A………...rmleuchter.

Ich stelle mir klischeehaft vor wie zwei dicke Uniformierte des Chicagoer Flughafenpersonals (mit Sonnenbrille trotz Schneetreibens) die Türen unseres Flugzeugs untersuchen und sich wie folgt unterhalten:
„Jack, verdammt, ich glaube meine ist vereist“
„Verdammt, John, meine auch“
„Was jetzt, Jack, verdammt“
„Ich hab verdammt noch mal keine Ahnung, John“
„Ich glaube es hilft nichts, wir müssen die Kollegen vom Enteisungsservice dazurufen, Jack“
„Verdammt Jack, Du machst mir Angst. Wirklich, den Enteisungsservice?“
„Ich bin John, Du bist Jack – verdammt Jack, reiß Dich jetzt zusammen“
„Sorry, verdammt“
„Schon gut Jack, ja, ich glaube Jack, der Enteisungsservice, wir haben keine verdammte andere Wahl.“
„Ok John, ich schätze Du hast Recht, verdammt“


Geschlagenen 2 Stunden und 30 Minuten nach dem Verlassen des Flugzeuges rollt das Gepäck vom Band und auch mein Koffer erblickt das Licht der Gepäckhalle und wird von mir schleunigst durch den Zoll bugsiert.
Mit viel Glück hat mein Flug nach Ft. Myers Verspätung und ich komme noch rechtzeitig. Augenblicke später stirbt diese Hoffnung einen unspektakulären Tod: da ich noch nicht im Besitz eines Weiterflugtickets bin und mich am Schalter anstelle um dieses jetzt zu erhalten, erfahre ich aus erster Hand, dass sich mein Flieger bereits in Reisehöhe mit Kurs gen Süden befindet.
Welche Alternativen bestehen? Erstens, 24 Stunden in Chicago warten bis die nächste Maschine morgen Abend nach Ft. Myers geht (der einzige Direktflug von Chicago), gaaaaanz toll. Zweitens, morgen früh von Chicago nach Philadelphia, von dort nach kurzem Aufenthalt (eine knappe Stunde) weiter nach Ft. Myers. Ich frage nach den aktuellen Temperaturen in Philadelphia. Die Frau von United Airlines blickt mich unverständig an, ich hätte doch nur eine knappe Stunde vor Ort, das sei gerade mal genug zum Umsteigen, da waere es doch egal wie die Temperaturen vor Ort sind. „Nicht wenn die Gepäcktüren vereist sind!“, herrsche ich die Dame an.
Die dritte Möglichkeit scheint am ehesten geeignet. Ich nehme heute abend noch einen Flug nach Phili um dann morgen früh von dort aus nach Florida weiter zu fliegen. Übernachtung auf Kosten von United in Phili inclusive.
Gesagt – getan, kurz darauf verlasse ich das internationale Terminal von O’Hare und gelange bei schlappen minus 18 Grad Celsius zur Abflughalle für nationale Flüge. Ich habe noch weitere 3 Stunden zur Verfügung, bis mein Flieger kurz nach 22 Uhr in Richtung Philadelphia aufbrechen soll. Die Lounge der United Airlines hat mich eingeladen kurz vorbeizuschauen und ich komme dieser Aufforderung gerne nach. Die letzten Stunden, der lange Flug, sowie die Zeitverschiebung von immerhin 12 Stunden haben ihre Spuren hinterlassen und ich freue mich auf ein kühles Freibierchen in der gemütlichen Atmosphäre der Business-Lounge.

... link (1 Kommentar)   ... comment


Donnerstag, 3. Dezember 2009
Wenn einer eine Reise tut oder Vom Regen in die Traufe (1)
Dezember 2008: Ich sitze im Flieger nach Chicago, das erste Mal nach einem Vierteljahr Asien zurück in die westliche Zivilisation und dann gleich in das Land der unmöglichen Beschränkten (oder so ähnlich, ach nee, unbeschränkte irgendwas, egal…). Auf meinem Gesicht spiegelt sich ein breites Grinsen, in froher Erwartung dessen, was der krasse Gegensatz alles bei mir auslösen wird. Da ich bisher an keiner Stelle den "Westen" vermisst habe, hoffe ich zumindest dass mir vieles auffällt, wenn ich erst mal wieder dort angekommen bin.
Die Sitze des United Airline Jumbo's sind leider kein Aushängeschild für die zu erwartenden Annehmlichkeiten. Die Maschine wirkt insgesamt eher so als wäre sie aus der ersten Generation der 747 und hätte eine Generalüberholung notwendig, aber gut, wir wissen ja dass amerikanische Airlines seit Jahren unter extremem Kostendruck leiden, deshalb wollen wir ein Auge zudrücken und übersehen die Flecken und Löcher in den Sitzbezügen großzügig.
Neben mir sitzt ein sympathisch wirkender Mittvierziger der mich, als er mein Chinesisch-Vokabelheft entdeckt, mit eindeutig amerikanischem Akzent anspricht. "So, you're studying Chinese?" beginnt er die Unterhaltung.
Man kennt sie ja, die Amerikaner. Wer als US-Bürger den britischen Akzent versteht, gilt bereits als Person mit erweiterten Fremdsprachenkenntnissen. Der Amerikaner im Ausland rechnet stets fest damit, dass eh alles Englisch spricht, wozu sich also um die lokale Sprache kümmern. Oder in diesem Falle, die Person im Flugzeug neben sich (also mich) fragen, ob sie der Englischen Sprache mächtig ist. Na gut es ist ein Flug in die USA und ich sehe nicht aus wie ein Chinese, also geht er davon aus, dass ich Amerikaner bin. Wie dem auch sei…
Seine Frage lautet also, ob ich chinesisch lerne - mein Brustkorb schwillt an, denn der Stolz auf die Tatsache dass ich in einem chinesischen Lokal Nudelsuppe bestellen kann (und sie in seltenen Fällen auch bekomme) fordert seinen Platz. Ich lege mir kurz eine Strategie zurecht, wie ich am eindrucksvollsten den Unterschied zwischen einem typischen amerikanischen Banausen und einem kultivierten, sich an die Umstände des Auslandes anpassenden Europäer erläutern kann. Vermutlich ist es das Beste, ich erkläre ihm zunächst die grundlegenden Merkmale der sinotibetischen Sprachfamilie und vergleiche diese mit den europäischen Sprachen (und hoffe im Stillen, dass er bereits an der Vokabel "sinotibetisch" scheitert). Mir ist bewusst, dass ich bei den Details vermutlich ein wenig improvisieren muss, aber - hey - er ist Amerikaner und mein zweiter Vorname ist “improvisiert überzeugend auf völlig unbekanntem Terrain“ *.
Ich setze also mein allseits beliebtes Oberlehrergesicht auf, hole tief Luft und – werde von meinem Gesprächspartner abgefangen indem er mir eröffnet: „You see, I’ve been a Chinese and English Teacher at the University of Shanghai for the last 12 years, so, how do you like the language?“. Des Stolzes Schwellung verlässt augenblicklich und pfeifend meinen Brustkorb und mit ihr verschwindet die Sympathie für meinen Nachbarn. Ein typisch amerikanischer Angeber eben, war ja auch nicht anders zu erwarten.
Ich gebe mich einsilbig und beschränke die Unterhaltung auf das Wesentliche. Immerhin schafft er es, im Verlauf des Gesprächs einige Punkte gutmachen, als er mich für meinen Versuch Chinesisch zu erlernen, lobt. Ich erwähne beiläufig, als er ausführt, dass dies für Amerikaner ja eher ungewöhnlich wäre, dass ich Europäer sei. Insbesondere gefällt mir, dass er dies am Akzent nicht sofort identifizieren konnte und mich zunächst für einen Landsmann gehalten haben musste. Der Punktestand erhöht sich weiter, als er mich daraufhin ausdrücklich auf meine gute Englische Aussprache hinweist. Mein Bewusstsein verdrängt die Tatsache, dass dies vermutlich nur der – eben typisch amerikanische – Versuch ist, nett zu sein. Wir kommen besser ins Gespräch während langsam die Startvorbereitungen ans laufen kommen.
Man kennt den Sermon der Stewardessen über Atemmasken die man zunächst sich selbst aufsetzt und, wenn noch eine aufzutreiben ist, erst dann etwaigen Kindern über den Kopf stülpen soll. Die Aufforderung, dann möglichst gleichmäßig zu atmen, finde ich besonders komisch. Ich stelle mir vor in einem abstürzenden Flugzeug bei Druckverlust zu sitzen, während um mich herum 156 weitere Passagiere konzentriert versuchen ihren Atem in einer Art Joga-Übung auf niedrigem Level zu halten. Sehr wahrscheinlich. Da ich und vermutlich auch mein neuer Freund aus den Staaten die Ansage bereits mehrere hundert Mal gehört haben, achten wir Unhöflicherweise nicht mehr darauf und fahren in unserer Unterhaltung fort. Jäh wird diese jedoch von der Stewardess unterbrochen, die mit den Worten „Hey guys listen to this and stop talking“ unsanft einschreitet. Meinem ansonsten recht wohlerzogenen Nachbarn entfahren die Worte „Fuck, what a bitch“, allerdings entschuldigt er sich sofort mehrmals bei mir für die unkontrollierte Verwendung solch unflätiger Sprache. Ich verzeihe ihm spontan von ganzem Herzen und hoffe nur die Stewardess hat ihn nicht gehört, wir müssten sonst wohl mit einem größeren Polizeiaufgebot am Ankunftsort rechnen.
Der weitere Flug nach Chicago verläuft – im Gegensatz zum sich dann anschließenden Teil – allerdings unspektakulär und wir kommen mit einer leichten Verspätung von 15 Minuten gegen 16:15 Uhr in O’Hare an. Kurz vor der Landung erleben wir noch einen wunderbaren Sonnenuntergang als sich die letzten Wolken einer schneebringenden Schlechtwetterfront in Richtung Westen verziehen. Ich bin guter Dinge denn die Zeit sollte knapp für meinen Anschlussflug nach Florida um 18:00 reichen….

- - - Ende Teil 1 - - -

*mein Vater erinnert sich sicherlich noch mit Freude and meine Erläuterungen zur „linksdrehenden Milchsäure“. Zum Zeitpunkt (10. Klasse) meiner komplett erfundenen, wenngleich offensichtlich äußerst glaubwürdigen Erklärung hatte ich keine Ahnung was Milchsäure ist, geschweige denn, warum sie sich ausgerechnet nach links dreht. Der Eindruck war leider bleibend, als ich das Lügengebäude aus Mitleid selbst zum Einsturz brachte stand von da ab mein Vater allen weiteren naturwissenschaftlichen Erklärungen meinerseits mit großer Skepsis gegenüber. Die Tatsache, dass ich später über ein verwandtes Thema (links- und rechtsdrehende Moleküle) promovieren sollte, half wenig. Ich befürchte, mein Vater hält meine Doktorarbeit für eine große Lüge, die ich geschickt meinem Professor glaubhaft machen konnte. Das ist natürlich ein völlig abwegiger Gedanke…

... link (1 Kommentar)   ... comment


Freitag, 14. August 2009
Horn please! oder Die vollständigen Regeln des indischen Straßenverkehrs
Zunächst zum chinesischen Straßenverkehr – denn dieser wäre ein eigenes Kapitel wert. In vielerlei Hinsicht unterscheidet er sich so sehr von jenem in Deutschland, dass es schwer fällt, alle Aspekte in einem kurzen Artikel zu berücksichtigen. Den unerfahrenen Mitteleuropäer (Franzosen mit Place de l’Étoile-Erfahrung sind hier explizit ausgenommen) überfällt der chinesische Straßenverkehr mit einer seltsamen Mischung an Emotionen. Man ist von ihm schockiert, ängstigt und amüsiert sich zugleich, lässt sich nerven und frustrieren und nimmt ihn schließlich als Teil der Kultur an, akzeptiert ihn. Doch um China geht es heute nicht. So sehr dieses Land und die Auslegung der Regeln wie man sich fahrenderweise zu benehmen hat dem ungeübten Blick seltsam erscheinen muss – all dies ist relativ. Ich erinnere mich noch gut an eine Reise von Indien nach China als mir nach Ankunft in Shanghai die ganze Stadt wie eine verkehrsberuhigte Zone vorkam. Kennt man den Verkehr in Shanghai, ist dies eine interessante Erfahrung und sagt mehr über Indien aus, als über China. Ein großer Unterschied: bis vor einiger Zeit war Hupen in China noch erlaubt, jedoch ist dies – soweit ich weiß zumindest in Shanghai – heute weitgehend verboten. Das gilt nicht für Indien: dort prangt an jedem Lastwagen die freundliche Aufforderung „Horn please!“ – das lässt sich der Inder nicht zweimal sagen.

Der indische Verkehr ringt selbst den Hartgesottenen erstaunte Blicke ab und den Chinesen die eine oder andere stille Träne – wohl in trauriger Reminiszenz an frühere Zeiten. Es ist jedoch weniger das rasante Tempo (oft eher im Gegenteil) oder die Anzahl der gefährlichen Situationen, die das indische Verkehrswesen besonders auszeichnen, sondern die scheinbare Abwesenheit jeglichen Regelwerks.

„Halt“, mag der erfahrene Indienreisende nun einwerfen, „Regeln gibt es – sogar Ampeln“. Ja, Ampeln, das ist soweit korrekt, gibt es. Jedoch ist deren eigentliche Funktion nur Eingeweihten bekannt. Die Ampel gilt Insidern als Startsignal für eines der inzwischen beliebtesten Gesellschaftsspiele in Indien: wie verstopfe ich mit den verfügbaren Fahrzeugen eine Kreuzung möglichst so nachhaltig, dass sich der entstehende Stau erst nach Stunden wieder auflösen kann. Und das geht so:

Ampeln auf dem Subkontinent sind oft mit einer Zähluhr ausgestattet welche die verbleibenden Sekunden bis zum nächsten Phasenwechsel anzeigt. Ca. 15 Sekunden bevor die indische Ampel von rot nach grün wechselt, heulen die ersten Motoren auf und es beginnt in der wartenden Menge ein vielstimmiges Hupkonzert – als Ausdruck der Freude auf das zu erwartende Spektakel, vermute ich. Bei verbleibenden 10 Sekunden Rotphase wird gestartet, alles was sich bewegen kann stürzt, schiebt und quetscht sich zugleich in die Kreuzung und da die von rechts und links querenden Fahrzeuge noch Grün haben, kommt, was kommen muss und es geht erstmal gar nichts mehr.

Dies wirkt auf den Fremden eben so, als gäbe es keine Regeln. Da ich aber nun nicht nur einmal in Indien war, kann ich nun – nach stundenlangen eingehenden Studien auf verstopften Straßenkreuzungen – meine offizielle Liste der Verkehrsregeln für Indien bekannt geben. Ich hatte zunächst vor, diese als Gesetzesvorschlag an das indische Verkehrsministerium zu schicken, musste jedoch feststellen, dass es eine solche Institution nicht gibt. Hätte mich auch gewundert.

Hier sind sie nun, „Die vollständigen Regeln des indischen Straßenverkehrs“ – für all jene, die in Zukunft einmal dorthin reisen und verstehen wollen, wie das komplexe Zusammenspiel verschiedenster Verkehrsmittel funktioniert. Eigentlich gar nicht so schwer:



§ 1 – Tiere im Strassenverkehr

§ 1a – eine Kuh hat grundsätzlich Vorfahrt

Zusatz zu § 1a – Tiere generell haben besondere Rechte, jedoch gilt diese Regel besonders streng für Kühe im Straßenverkehr. Kühe sind heilig, also dürfen sie tun und lassen was sie wollen, wehe eine Kuh wird auch nur angefahren – falls doch, wenden Sie sich bitte an den nächstgelegenen Mob zur fälligen Lynchjustiz.

§ 1b – andere Tiere sind abhängig von Größe und Gewicht nicht anzufahren. Am Straßenverkehr teilnehmende Elefanten sind großräumig zu umschiffen, Kamele und Lastesel dürfen hingegen geschnitten und behupt werden, wenngleich Kontakt weitestgehend zu vermeiden ist.

§ 1c – kleinere Tiere können angefahren werden, sollte dies der Nahrungsbeschaffung dienen (z.B. Hühner). Dem Besitzer ist eine marktübliche Entschädigung zu zahlen, ein Aufschlag wegen besonderer Frische kann verlangt werden. Ein Gewerbe, bei welchem Hühner kurz vor der Vorbeifahrt von PKWs oder Bussen auf die Strasse gescheucht werden, ist anzumelden.



§ 2 – Hupen

§ 2a – Hupen ist strengstens verboten. Ausnahmen siehe § 2b

§ 2b – Ausnahmeregelungen für § 2a.

i) Gehupt werden darf bei der Ankündigung des Überholvorgangs

ii) Gehupt werden darf während des Überholens

iii) Gehupt werden darf während man selber überholt wird

iv) Der Überholende darf nach Abschluss des Überholvorgangs hupen

v) Der Überholte darf nach Abschluss des Überholvorgangs hupen

vi) Gehupt werden darf bei Gegenverkehr

vii) Gehupt werden darf ohne Gegenverkehr, wenn Gegenverkehr prinzipiell denkbar wäre

viii) Gehupt werden darf bei Passanten auf der Fahrbahn

ix) Gehupt werden darf bei Passanten abseits der Fahrbahn

x) Gehupt werden darf zur Begrüßung naher Verwandter

xi) Gehupt werden darf zur Begrüßung entfernter Verwandter, sofern diese zurückhupen

xii) Gehupt werden darf zur Begrüßung völlig Fremder

xiii) Gehupt werden darf bei roter Ampel zur allgemeinen Abstimmung des Anfahrens bei Grün

xiv) Gehupt werden darf bei unspezifischem Unwohlsein

xv) Gehupt werden darf um aktuelle Nachrichten zu verbreiten

xvi) Gehupt werden darf zum Zwecke der Brautwerbung

xvii) In gefährlichen Situationen darf nur dann gehupt werden wenn zuvor von offizieller Seite die Gefährlichkeit schriftlich bestätigt wurde. Zuständig ist das jeweils nächstgelegene Polizeirevier oder Imbissbude.


Ja, es sind dies nur zwei Paragraphen, aber sie bilden meiner Erfahrung nach den vollständigen Satz der indischen Verkehrsregeln. Sollten mir weitere auffallen – ich melde mich…

... link (0 Kommentare)   ... comment


Samstag, 13. Juni 2009
Morgenmuffel oder Das Land der zu früh aufgehenden Sonne
Wer mich besser kennt, weiß vermutlich auch um meine ganz persönliche Königsdisziplin: morgens ganz früh aufstehen. Am liebsten um zunächst eine gute Stunde Sport zu treiben, danach schnell geduscht, frisch rasiert und in ein fein gebügeltes, strahlend weißes Hemd zum schwarzen Anzug geschlüpft, ein schönes Fitness-Frühstück (Salat, frisches Obst und ein wenig Müsli), im Anschluss gemütlich Zeitung lesen zu einer guten Tasse Kaffee (schwarz, ohne Zucker bitte) und dann, gegen 6 Uhr 30, frisch und fröhlich auf in die Arbeit. Eine wahrlich lustige Vorstellung...
Im Ernst: für mich weckt der Spruch „Morgenstund’ hat Gold im Mund“ als Assoziation einen zahnlosen müden Greis in dessen fast leerer Mundhöhle noch ein paar Goldzähne aufblitzen. Normalerweise wache ich unsanft und verschlafen zum fiesen Klang meines Weckers auf, verfluche alle mir bekannten Götter der Morgenröte und versuche beim Einschalten des „Snooze“ am Wecker, diesem kalten Apparat körperliche Schmerzen zuzufügen. Der Vorgang wiederholt sich exakt so nach 10 Minuten.
Nach weiteren 10 Minuten ist es jetzt normalerweise 7 Uhr 50. Der Wecker schnarrt zum dritten Male heiser in die Nacht hinaus und stehe ich vor der allmorgendlichen Gewissensfrage: noch mal 10 Minuten dösen – das himmlische Gefühl, erneut in die wunderbare Schlummerwelt der herrlich flauschigen Bettlichkeit zu entschwinden, verlockt so sehr – oder gleich Aufstehen. Dank der gewonnenen 10 Minuten könnte ich zumindest noch einen Schluck Kaffee (weiß, viel Zucker) zu mir nehmen.
Häufig jedoch macht die Bettstatt das Rennen und in diesem Fall sind nach erneutem Klang des Weckers noch 20 Minuten Zeit bis zur Abfahrt in Richtung Arbeit. 20 Minuten sind eindeutig zu wenig um geputzt und geschniegelt mit kompletter Montur das Haus zu verlassen. Wenn ich also nicht nur in Unterhosen bekleidet rechtzeitig aus der Wohnung kommen will, muss ich entsprechend beim Putzen und Schniegeln gewisse Abstriche machen.
Meist robbe ich zunächst auf allen Vieren in Richtung Bad – mehr Energie ist dank des letztendlich erschöpfenden 4-maligen Einschlaf-Aufwach-Wechsels nicht vorhanden. Verschlafen schrubbe ich mit der Zahnbürste meine Achselhöhlen, sprühe mir ausgiebig Deo-Spray in den Mund und verzichte beim Rasieren auf das umständliche Einseifen mit Rasierpinsel und Schaum – geht ohne schneller. Meine Gesichtshaut dankt mir diese Rücksichtnahme indem sie sich ausgiebig rötet und sich so farblich mit meinen blutunterlaufenen Augen abstimmt.
Ich blicke in den Spiegel und erschrecke kurz vor mir selbst (meine Augen sind das erste mal am Tag überhaupt richtig offen), kippe mir ca. sieben Liter möglichst kaltes Wasser über den Kopf und fasse den ersten klaren Gedanken am Tag: Scheiße ich komm zu spät. Schnell angezogen – linker und rechter Socken sind unterschiedlich, egal, keine Zeit - und schon geht’s auf. Gegen 9 Uhr bin ich im Büro und zwei Kaffee mit Keksen später ist der Tag endlich mein Freund. Und so geht das praktisch jeden Morgen. Ich hasse Aufstehen.

Japan, Donnerstagabend, in einem Shabu-shabu Restaurant in Tokyo: ich sitze mit zwei japanischen Kollegen beim leckeren Abendessen und da ich am nächsten Tag mit einem von ihnen zum Kunden muss, frage ich wann wir uns denn morgens im Hotel treffen wollen. Im Stillen hoffe ich natürlich, dass wir erst gegen 10 Uhr los müssen, aber wie fast immer ist diese Hoffnung vergebens. 7:20 – praktisch kurz nach Mitternacht – in der Lobby, erklärt mir der Unmensch. Na super! Und weil ich weiß, dass ich vermutlich erst spät nach Mittag wieder Gelegenheit habe etwas zu Essen, muss ich auch noch vorher zum Frühstück. Hinzu kommt erschwerend, dass Japan eine Stunde voraus ist, ich muss also gegen 5 Uhr Shanghai-Zeit Aufstehen. Ich gratuliere mir selber ausführlich zu diesen Aussichten.
Am nächsten Tag, pünktlich um 7:20, erscheine ich, rasiert und gefrühstückt, an der vereinbarten Stelle, mein japanischer Kollege ist bereits da, und ich erhalte eine Lektion in Sachen „Kultur des auf keinen Fall Zuspätkommens“.
„We go to Tokyo Station now, take train”, erklärt mir der offensichtlich ausgeschlafene kleine Kerl mit fröhlicher Mine. „Ah - kenn ich“, denke ich mir, „ist nur 5 Minuten zu Fuß vom Hotel“. Er fügt hinzu: „Can go now, train leaves in one hour and 10 minutes“.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich verhört habe. Nochmal, wann geht der Zug? Tatsächlich, in über einer Stunde. Zwischen zusammengepressten Zahnreihen murmle ich „You’ve got to be fu&*ing kidding me”. Und erwäge kurz, einfach wieder in mein Zimmer zu gehen um mich noch eine gute halbe Stunde aufs Ohr zu hauen. Oder mich gleich für den Rest des Tages zu verabschieden mit den Worten: „Lass mich von Euch doch nicht vera%$%*“.
„Yes“, freut sich mein neuer Freund, „in Japan we make very sure not come late“. Verstehe, na, da fühl’ ich mich doch gleich besser. Wir erreichen den Kunden dann übrigens 45 Minuten zu früh, das sei aber durchaus so üblich, sagt mein Kollege. Japan wird wohl nicht mein Land werden…

... link (0 Kommentare)   ... comment


Montag, 9. März 2009
Ein kleiner Scherz oder Humor ist nicht wenn keiner lacht
Wir deutsche sind schon ein lustig' Völkchen. Wir haben weltweit anerkannte Giganten der Komik hervorgebracht - ich erinnere nur an Otto oder, noch besser, Dieter Hallervorden. Bei Loriot halten uns Ausländer sowieso für bekloppt, über einen Menschen zu lachen, der für sie einfach nur extrem peinlich deutsch ist. Chinesen haben im Vergleich zu uns und unseren europäischen Nachbarn einen anderen Humor. Einen völlig anderen.

In meinem Badezimmer floss die ersten Wochen ein stetes Rinnsal vom Waschbeckenunterschrank in Richtung Bodenabfluss (auf der anderen Seite des Raumes). An dieser Stelle möchte ich bemerken wie bewundernswert vorausschauend man bei der Planung des Hauses offensichtlich war, einen solchen Abfluss in alle Nassräume einzubauen (unvermeidbare Undichtigkeiten bereits antizipierend) - und wie bewundernswert kurzsichtig, dies auf der falschen Seite der Zimmers zu tun. Wie dem auch sei, der Anschluss des Kaltwassers, aus der Wand kommend, war undicht und lieferte einen kleinen Strom Wasser frei Haus. Die Bemängelung des Zustandes beim Vermieter führte dazu, dass am nächsten Samstag ein Arbeiter vorbeikam. Ich meine, es war derselbe Mann der früher (s.u.) bereits so eifrig mein Telefonkabel zurechtzupfen wollte, aber da täuscht man sich schnell. Nach kurzer Besichtigung der Unglücksstelle wird wie üblich der Sachverhalt in fließendem Chinesisch erläutert, aber ich habe gelernt. "Ting bu dong"* stellt den Mann ruhig.
Louise von der Hausverwaltung kann leidlich gut Englisch und wird angerufen. Sie übersetzt und es wird klar, dass ein Ersatzteil notwendig ist, welches am Wochenende nicht zu beschaffen sei. Nächste Woche würde die Reparatur dann stattfinden, ich könne mich entscheiden bis dahin mit dem Rinnsal zu leben, oder aber den Haupthahn zur Wohnung zudrehen zu lassen. Die aufkommenden Gedanken über die Körperhygiene eines Chinesen der vorschlägt eine Woche ohne Wasser auszukommen verdränge ich schnell. Louise denkt offenbar ähnlich und wir einigen uns auf eine weitere Woche leises Plätschern.

Der nächste Samstag ist gekommen und ein weiterer Arbeiter trifft ein um die Sache nun ein für allemal zu regeln. Anhand des fortgeschrittenen Alters des Mannes erkenne ich sofort, dass diesmal tatsächlich eine andere Person gekommen ist. Der Quell der steten Unfreude wird begutachtet, ich rufe Louise an um mir die Übersetzung geben zu lassen und sie meint, dass ein Ersatzteil notwendig ist, welches am Wochenende nicht zu beschaffen sei.
Ich überlege kurz, ob ich ihr von einem der eindruckvollsten Deja-vu's meines Lebens erzählen soll. Kurz darauf erstürmt die Realität mein Bewusstsein. Ja Hallo!, ich glaub' ich spinne. Also gut, knurre ich ins Telefon zurück, aber nächste Woche wird hier abgedichtet und wenn der Typ bis zum St. Nimmerleinstag seinen Daumen in die Wand stecken muss. Louise entschuldigt sich und verspricht nächste Woche selber mitzukommen. In meinem wasserdurchströmten Unterschrank aus aufgequollener Spanpressplatte gedeihen wunderbar bunte Schimmelkulturen.

Eine weitere Woche zieht ins Land und tatsächlich kommt am darauf folgenden Samstag Louise mit Kollege Arbeiter im Schlepptau vorbei und beaufsichtigt zusammen mit mir den Fortgang der Arbeiten. Ich gebe mich versöhnlich und erwähne, dass ich das Rinnsal inzwischen den "kleinen Yang-tze" getauft habe. Dieser mittelmäßige Scherz kam Tage zuvor bei einer deutschen Bekannten hervorragend an.
Louise blickt mich interessiert an und fragt kurz darauf: "Why?". Ich versuche gegen besseres Wissen, den sowieso schon mageren Witz zu retten und erkläre, weil doch der größte chinesische Fluss in der Nähe von Shanghai Yang-tse hieße. Louise ist verwundert: "but that is a RIVER". Ich lächle gequält und erwähne, deswegen sei es ja auch nur der "kleine" Yang-tse. Louise ist noch nicht bereit, sich auf die nun immer weiter schwindende Komik einzulassen: "But this is not river, it is leaking water pipe". Ich gebe auf, "yes", sage ich, es sei nur ein Scherz gewesen, "just a joke".
Louise betrachtet mich lange und eingehend. Kollege Arbeiter schraubt und repariert, ich verlagere mein Übergewicht von einem Bein aufs andere und Louise denkt nach. Nach eingehendem Überlegen rückt sie heraus: "But isn't joke supposed to be funny?".
Guter Punkt, ich resigniere kleinlaut mit einem traurigen "yes, indeed" und überlasse das Badezimmer sich selbst bzw. meinen humorlosen neuen Freunden von der Hausverwaltung um mir, in der Ehre des Komikers verletzt, einen Kaffee zu machen.

*wörtlich übersetzt heißt dies "ting - höre, bu - nicht, dong - verstehe", zu deutsch "ich verstehe Dich zwar akustisch, aber ich kapier's nicht" und es ist wohl einer der nützlichsten Sätze im Chinesisch des Anfängers

... link (0 Kommentare)   ... comment


Samstag, 20. Dezember 2008
Warum Chinesen ungern "Nein" sagen oder Die Sache mit dem Notausgang
Die asiatische gleicht der westlichen Psyche in vielem ebenso sehr wie die chinesische Volksmusik einer Oper von Richard Wagner. Das ist aus meiner Sicht übrigens eine neutrale Formulierung – ich mag beides nicht (und ich meine dabei nicht die Psychen).
Der Asiate an sich (wenn ich mir erlauben darf, den armen Kerl so plump über einen Kamm zu scheren) tut sich mit der direkten Anerkennung der eigenen "Unzulänglichkeit" doch recht schwer. Dabei ist Unzulänglichkeit gar nicht negativ gemeint, sondern soll lediglich als Ausdruck einer Unfähigkeit dienen, z.B. auf den Wunsch seines Gegenübers eben - wunschgemäß - reagieren zu können.
Man stelle sich vor, einem Chinesen im 45. Stock eines Hochhauses mit einladender Geste in Richtung Balkontüre zu eröffnen, dass man es doch ganz gut fände, wenn dieser sich jetzt über das Balkongeländer hinweg gen Abgrund stürze. Dergleichen Situation bringt unseren Chinesen in eine unangenehme Lage. Einerseits möchte er nicht einfach plump widersprechen, andererseits hat er die Einkäufe für seine Frau noch nicht erledigt und kann deshalb dem Wunsch dummerweise nicht nachkommen ohne damit woanders Gefühle zu verletzen. Er löst den Konflikt vermutlich geschickt auf, indem er entweder - die Anfrage ignorierend - lächelt und schweigt (bzw. so tut als hätte er nicht verstanden), oder aber die örtlichen polizeilichen Verordnungen zitiert, die ein Herabspringen ausgerechnet aus dem 45. Stock eines Gebäudes unter schwere Strafe stellten (wenngleich Todesurteile bei diesem Tatbestand selten wären). Er überlässt es damit der Feinfühligkeit des Gesprächspartners, festzustellen, dass er eigentlich nicht springen möchte - ganz ohne direkt widersprochen zu haben. Wehe dem Chinesen, der nun an einen typisch "feinfühligen", eher pragmatisch veranlagten Deutschen geraten ist, der freudig vorschlägt einfach ein Stockwerk höher zu gehen.

Beim letzen Flug von Shanghai nach Peking wollte ich mich beim check-in nach einem Platz in der Notausgangsreihe erkundigen, nachdem mir auf den Flügen zuvor schmerzhaft klar wurde, dass 1,94 m Körpergröße nicht exakt das chinesische Standardmaß sind und die Sitzreihen hierzulande entsprechend lächerlich eng gestaffelt sind. Meine höfliche Nachfrage wird vom Herrn am check-in Schalter zunächst lächelnd ignoriert, wie gesagt, die Standardvariante. Damit hätte ich es in den meisten Fällen – feinfühlig wie ich bin – auf sich beruhen lassen, aber meine Kniescheiben und die Aussicht auf die höllischen Schmerzen in denselben lassen mich weiter bohren.
"Sorry Sir, it is not possible, very sorry, yes". Und warum? Pause. Der gute Mann begreift nicht, warum ein einfach umschriebenes "Nein" nicht ausreicht - immer diese Ausländer, wie unangenehm - so lese ich in seinen Gesichtszügen. Dann kommt ihm ein Gedanke: "Sir, it is exit row. You must be speak Chinese to sit". Wie bitte? Nur wer chinesisch kann darf dort sitzen? Was soll das denn heißen - ich frage nach. Offensichtlich hat er aber damit gerechnet und erklärt freudestrahlend: "Sit exit row must need talk to people in airplane when have emergency". Aaaah, ein ganz schlauer Bursche. Wir haben eine "gesetzliche" Ausrede gefunden. Ich gebe mich nicht überzeugt und biete großmütig an, im Katastrophenfall kommentarlos als Erster das Flugzeug zu verlassen.
In den Zügen des Schalterbeamten erkenne ich einen kurzen Augenblick lang Abscheu vor meiner soeben zur Schau gestellten Feigheit. Ich gebe zu, ein ziemlich jämmerlicher Versuch, aber immerhin. Mein Gegenüber jedoch verlegt sich schnell wieder auf die Schweigen-und-Lächeln-Taktik. Ich bin gewillt ein klein wenig Ehre zurückzugewinnen indem ich wenigstens dieses Gefecht austrage und so schweige ich lächelnd zurück. Sekunden verstreichen, bis ein beherrschtes "No sorry, not possible if not speak Chinese" über seine Lippen kommt. "Security reasons, not safe for other passenger" versucht er wiederholend nachzusetzen. Na gut, ich kann auch anders, raffe meine drei Wochen Chinesischunterricht zusammen und versuche den Satz "Kein Problem, ich spreche fließend Chinesisch" zu formulieren. Gute Idee – mangelhafte Umsetzung, das Kunststück misslingt, vermutlich habe ich "ich möchte diesen Teppich nicht kaufen" gesagt, wie ich den nun amüsierten Blicken meines Gegenübers entnehme. "Sorry, Sir, not enough", feixt er. Verflixt, ich muss mehr üben. Ich bin kurz davor die Flinte ins Korn zu werfen und mich nach einer Apotheke wegen einer Salbe gegen "Knie" zu erkundigen, als mir ein brillanter Gedanke kommt. Was ist denn mit den anderen nicht-chinesischen Fluggästen im Notfall! Die brauchen doch auch eine wegweisende Stimme, um sicher zum Notausgang zu finden, oder? Ich erläutere ihm dies und schließe mit den Worten: "and I CAN speak English!". Ha, ich habe ihn erwischt, ich weiß, dass ich gewonnen habe, gegen dieses Argument ist er machtlos. Ich lächle ihn an und meine in seinem gebrochenen Blick zu erkennen, dass diese Runde an mich geht.
Ohne den Monitor mit der Sitzbelegung der Maschine eines einzigen Blickes zu würdigen, entgegnet er resigniert: "Sorry, Sir, all seats in emergency row are booked" und übergibt mir meinen Boardingpass den er seit Gesprächsbeginn in den Händen hält.

Gut, im Nachhinein betrachtet, ich habe ihn provoziert. Er hat versucht mir den Notsitz freundlich auszureden und ich wollte nicht hören. Selber schuld, dass ich jetzt im Flieger sitze, meinem Vordermann in gebrochenem Chinesisch erklären muss, dass seine Rückenschmerzen kein Bandscheibenvorfall sind, sondern meine Kniescheiben die sich in seine Nierengegend bohren, während drei Reihen weiter vorne, in der mit "Exit" gekennzeichneten Reihe, auf mehreren Plätzen gähnende Leere herrscht.

... link (2 Kommentare)   ... comment


Dienstag, 16. Dezember 2008
Fremde Federn
Damit die Zeit bis zur nächsten Geschichte nicht allzu lang wird, hier ein kleiner Zwischenruf, ein Fundstück aus den Weiten des Internet:

"Es gibt eine Anekdote von einem Angelsachsen, der in Tokio einen etwas längeren Eingangsscherz vortrug, den der Dolmetscher mit zwei Worten übersetzte, worauf tosendes Gelächter anhub. Später fragte der Angelsachse einen Japaner, wie sein Scherz übersetzt worden sei. Sagte der: 'Gar nicht. Der Übersetzer hat gesagt, alle sollen lachen, und das haben wir getan.'"
Fernando Wassner, dt. Journalist (FAZ)

... link (0 Kommentare)   ... comment


Samstag, 6. Dezember 2008
Mr. Yang und die westliche Musikkultur oder Mein Auto hat einen CD-Wechsler
Der chinesische Pseudo-Pop den ich bisher gehört habe ist grauenhaft, schlimmer fast als das westliche Celine-Dion-Gejammere. Dies mag ein vorschnelles Urteil sein, aber so ist nunmal mein erster Eindruck: komplett gegeneinander austauschbare einfache und flache Melodien dudeln ein ums andere Mal in schmalziger Sanftheit vor sich hin und sind mit völlig unverständlichen Texten versehen. Wie gesagt, grauenhaft.
Mr. Yang teilt diese Meinung nicht. Aber, und hier kommt die überraschende Wendung, er spielt diese Musik nicht, wenn ich im Auto bin - ist das nicht klasse? Seine Musik hört er nur, wenn ich nicht mit dabei bin. Er hat, woher auch immer, eine CD gefunden, auf der Englisch gesungen wird. Wie ungemein zuvorkommend und nett! Das einzige Problem ist, dass auch bei dieser Musik komplett gegeneinander austauschbare einfache und flache Melodien ein ums andere Mal in schmalziger Sanftheit vor sich hin dudeln (nur ist der Text hier halbwegs verständlich, wenngleich dies in keiner Weise einen Gewinn bedeutet). Mr. Yang spielt - mir zu liebe - nur diese CD. Betonung liegt auf "nur". Auf und ab. Mein täglicher Weg zur Arbeit dauert zwischen 30 und 45 Minuten; einfach. Je nach Verkehr muss ich also täglich fast zweimal komplett Mr. Yangs "Spezialmusik für Langnasen" ertragen. Nach zwei Wochen bin ich bereit, mir mein Trommelfell operativ entfernen zu lassen - wenn ich noch einmal Lied 4 hören muss, laufe ich Amok.

Ich besorge mir also einen DVD Rohling, um mir eine Musik DVD brennen zu können. Das DVD-System im Auto hat nämlich nicht nur kleine Bildschirme in den Kopfstützen, sondern auch noch die Beschriftung "DVD / CD / MP3 ..." auf dem Wechsler. Also schnell ein paar 100 Lieder (MP3) auf DVD gebrannt und bei der nächsten Autofahrt diese feierlich Mr. Yang überreicht. Er schaut erfreut, öffnet den Kofferraum und legt die DVD ein, während ich es mir im Rücksitz bequem mache, die Augen schliesse und mich nach über 2 Wochen ohne meine eigene Musik auf die Klänge von elektrischen Gitarren und heiseren Vocals freue. Die DVD benötigt ca. sieben Minuten zum Laden und schliesst diesen Vorgang mit "not readable" ab. Mr. Yang zuckt die Schultern und legt seine "Spezialmusik für Langnasen" auf. Bei Lied 4 angekommen schlage ich langsam aber kräftig wieder und wieder mit meinem Kopf gegen die Seitenscheibe meines Autos. Mr. Yang ignoriert mich freundlich.

Ok, ich gebe es zu, in Sachen Musik bin ich heikel. Es ist entweder Chopin, Beethoven oder ein anderer (instrumentaler) Klassiker oder es ist gleich Hard Rock bis Heavy Metal. Alles dazwischen ist zum grössten Teil inakzeptabel (Ausnahmen gibt es zwar durchaus, aber derer sind es wenige, Mr. Yangs CD ist leider wahrlich keine dieser Ausnahmen).
Ich nutze die nächste Gelegenheit um eine beschreibbare CD zu erstehen und brenne eine normale Audio CD, das kann jeder CD Spieler. 60 Minuten ehrlicher, guter Heavy Metal, mit der ein oder anderen klugen Melodie zwar, ja, aber auch mit genug Gitarre und Power. Mr. Yang legt ein und die Fahrt beginnt - der Verkehr ist heute sehr dicht, wie schön, wir werden lange unterwegs sein! Mr. Yang dreht, während der Wechsler wechselt, die Lautstärke nach oben. Sicherheitshalber dreht er noch etwas weiter auf und, da noch nichts zu hören ist ("Loading" steht auf der Anzeige - Mr. Yang kann kein Englisch) noch ein bisschen weiter. Die Anzeige wechselt von "Volume - Max." auf "Track 1 - 00:00" und das erste Lied beginnt.
Pantera - The Great Southern Trendkill. Mr. Yang schreit laut auf und reisst das Steuer hart nach rechts. In seinen Augen meine ich für einen kurzen Moment Todesangst zu erkennen - die Aktion zwingt unseren Nebenmann zum abrupten Spurwechsel und ermöglicht mehreren Passanten das Schauspiel einer Beinahekollision zweier am Spurwechsel mitbeteiligter Motorräder und einem Schwarm Hühner die Sekunden zuvor friedlich am Strassenrand grasten.
Das erste Stück auf der CD beginnt zugegebenermassen mit ein paar härteren Powerchords auf stark verzerrter Gitarre - damit (und "Volume - max.") hatte mein lieber Mr. Yang vermutlich nicht gerechnet. Erstaunlicherweise aber fängt er sich und das Auto bereits Augenblicke später, dreht sich um und lächelt, ja lacht fast. Ich grinse zurück, mein Mitleid hält sich in Grenzen und nach so langer Zeit bin ich einfach nur froh, gute Musik zu hören. Am nächsten Tag brenne ich 3 weitere CDs und überreiche sie dem unbeirrbar freundlich lächelnden Mr. Yang.

Mr. Yang hat sich übrigens an die Musik schnell gewöhnt. Er startet, immer wenn ich einsteige, die zuletzt gehörte CD an der gleichen Stelle an der wir aufgehört hatten. Ich vermute, er hört zwischendrin noch seine eigene Musik, was ja völlig in Ordnung ist. Immerhin stehen ihm noch 4 Plätze im Wechsler zur Verfügung, ich finde das ist eine faire Aufteilung.
Neulich, bei einem der besseren Stücke von Alter Bridge (oder war es Creed?) meine ich erkannt zu haben, wie Mr. Yang im Takt mitgewippt hat. Am Ende stellt sich noch heraus, dass ich seinen (guten) Musikgeschmack geweckt habe! Ein befriedigendes Gefühl. So, ich muss aufhören, es läuft gerade Metallicas "Enter Sandman" im Radio - hach, nee, ist ja meine CD.

... link (3 Kommentare)   ... comment


Freitag, 28. November 2008
Die kleinen Unterschiede oder Meine gereifte Persönlichkeit
Psychologie funktioniert am besten, wenn man sie auf sich selber anwendet. Bei mir zumindest. Ein Bekannter hat mir neulich hier in Shanghai - fast beiläufig - erklärt, warum es MEIN Fehler ist, wenn ich mich über das schlechte Englisch mancher Chinesen ärgere. Die Situation sei doch ganz klar so, dass nicht SIE in der Pflicht wären, besser Englisch zu können, sondern die Frage müsse lauten, warum nicht ICH besser Chinesisch spreche. Ein guter Punkt, der es wert ist, näher betrachtet zu werden.
Ein Beispiel, wie selbstverständlich wir eigentlich mir sprachlichen Situationen in der uns bekannten Hemisphäre umgehen. Kein Mensch würde nach Amerika fahren, sich an die Theke eines Fast-food Restaurants stellen und mit leichtem Ruhrpotteinschlag ausrufen: "So, Jongens, nu macht mich ma zwai Mäc-Dinngens, mid ooorntlich Fritten bei, un nich an'n ketschap sparn,..." (Obwohl, bei längerem Nachdenken - so schrecklich die Vorstellung ist - wahrscheinlich ist genau das auch schon passiert, ich kann den weiteren Verlauf des Gesprächs beginnened mit den Worten, "Yo, doug, wass' your fuckin' problem, man..." fast hören…).
In Amerika gehen wir einfach davon aus, dass die einheimische Bevölkerung nur Englisch spricht. Abgesehen davon, dass diese Annahme irrig ist (viele sprechen hervorragend Spanisch - na gut, dafür kaum Englisch), warum gehen wir davon aus, man spräche in China ebenfalls Englisch? Wahrscheinlich sind wir aus unseren Erfahrungen in vielen (europäischen) Ländern einfach viel zu verwöhnt. Sogar mit Deutsch kommt man oft erstaunlich weit. Auf Malle gibt es an jeder Ecke "Shnitzell mit Pömmes" und die Italiener haben unsere Lieblingsgerichte kombiniert indem sie "Pizza mit Wurstel" (immer wieder ein echter Bruller) anbieten. In vielen anderen Ländern kommen wir gewohnheitsgemäß mit Englisch durch, auch wenn so mancher Winkel unseres bekannten Kulturkreises zwischen Provence und Erzgebirge vielleicht nicht immer einwandfreies Oxford-English feilbietet. Aber nein, kaum in China angekommen, beschweren wir uns still und zuweilen auch lautstark, dass die Speisekarte in dem kleinen Ecklokal in der chinesischen Provinz nicht nur keine englischen Untertitel führt, sondern auch noch vollkommen ohne Bilder und lediglich mit unverständlichen chinesischen Schriftzeichen aufwartend uns gereicht wird. Ich habe beschlossen, von nun an dergestalte westliche Arroganz zu missbilligen.
Alles in allem hat der Einwand meines Bekannten also dazu geführt, dass ich heute mit Situationen, in denen mein Gegenüber erst behauptet ein wenig Englisch zu können und die Kommunikation dann doch scheitert weil Bahnhof verstanden wird, viel gelassener umgehe. Ich überliste mich selber und ersticke jeden Ärger im Keim, indem ich mir selbst als Psychiater zur Seite stehe und mir erkläre, woher meine Wut kommt, und warum sie ungerechtfertigt ist. Dementsprechend begreife ich mich heute als gereifte Persönlichkeit, die kulturelle Unterschiede, sprachliche Missverständnisse und dergleichen kindische Unreife überwunden hat und entsprechende Situationen mit weltmännischer Gelassenheit nimmt. Bis eben.
Warum? Nun, es ist der Grund, warum ich diesen Text schreibe. Mit der Sprache bin ich soweit, mit anderen kulturellen Unterschieden wohl noch nicht. Ich warte gerade am Shanghaier Flughafen in einem Cafe/Restaurant auf das Boarding nach Gouangzhou. Neben mir sitzt ein gut gekleideter chinesischer Herr der genüsslich seine Nudelsuppe in einer solch ohrenbetäubenden Lautstärke schlürft, dass ich kurz davor bin, ihn beim Schopf zu packen, seinen Kopf in die heiße Suppe zu tunken und lauthals entrüstet ihm mein Entsetzen über sein unmögliches Benehmen ins verbrühte Gesicht entgegenzubrüllen. Mich durchflutet eine Gefühlswelle aus kalter Wut auf den schlürfenden Asiaten und Entsetzen über mich selbst. Ich reiße mich mit letzter Kraft bis zum Ende der Suppe (und damit des Geräuschpegels neben mir) zusammen und schaffe es, meinen Nebenmann unversehrt zum Nachtisch kommen zu lassen.
Es bleibt mir also, betrübt festzustellen, dass ich noch keinen psychologischen Trick gefunden habe, der mir bezüglich Art der Essensaufnahme einiger Chinesen ein klein wenig mehr Souveränität verschaffen würde. Mein Trost ist, dass der gute Mann meinen Wutausbruch aufgrund seines sicher mangelhaften Englischs vermutlich sowieso nicht verstanden hätte - womit ich übrigens sehr souverän umgegangen wäre.

... link (2 Kommentare)   ... comment


Sonntag, 16. November 2008
Mr. Yang oder Das Land des Lächelns
Ich habe, gestellt von der Firma, einen Fahrer (samt Auto). Das wirkt zwar auf den ersten Blick etwas dekadent, ist es auf den Zweiten aber auch. In Shanghai kann man wunderbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B reisen, ohne dabei arm zu werden, genauer gesagt kostet eine durchschnittliche Taxifahrt quer durch die Stadt keine 4 Euro, während man bei uns bei vergleichbarer Strecke mit weit über 20 Euro dabei wäre. Soviel zur Notwendigkeit in dieser Stadt einen eigenen Fahrer (samt Auto) zu haben.
Mein Fahrer heisst Mr. Yang.

Mr. Yang ist der zuvorkommendste Mensch den ich kenne. Er lässt es sich bei fast keiner Gelegenheit nehmen, den Fahrersitz, sobald wir den Zielort erreicht haben, fluchtartig zu verlassen, um das Auto herumzusprinten und mir meine hintere, rechte Türe aufzureissen. Dabei lächelt - fast schon lacht - er fröhlich und winkt zum Abschied. Dann fällt ihm ein, dass wir ja noch ausmachen müssen, wann er mich wieder abholen soll.
Mr. Yang spricht kein Englisch. Gut, er kann auf Englisch bis 10 zählen, kann "bye bye", "hello" und "ok, ok, ok".

Bitte nicht falsch verstehen, dass ist deutlich mehr als ich anfangs auf Chinesisch konnte - er war mir weit, weit voraus. Zur Verständigung ist es, überprüft von mir in einigen Feldversuchen, dennoch klar zu wenig. Der Satz, "please pick me up here in half an hour" ist mit den Worten "bye bye", "hello" und "ok, ok, ok" um die Burg nicht zu formulieren. Und ich hab's versucht - es geht wirklich nicht.

Eine der einfachsten Gesten dieser Welt ist es, die rechte Hand als Telefon zu benutzen: man spreizt Daumen und kleinen Finger ab hält den Daumen ans Ohr und spricht in den kleinen Finger. Der Empfang ist meist mehr schlecht als recht, aber zumindest weiss die Person gegenüber was gemeint ist und dass man sich demnächst zusammenruft.
Diese Methode funktioniert wunderbar, wenn man z.B. in einem Restaurant essen geht, in einem Supermarkt einkauft, oder ähnliche, zeitlich begrenzte Dinge macht. Der Fahrer fährt dann um eine Ecke (so stelle ich mir das zumindest vor), stellt sein Auto ab, sich selber schlafend und wartet geduldig.
Sobald man nach dem Essen/Einkaufen/Ähnlichem wieder weiter muss, genügt ein Anruf und innerhalb weniger Augenblicke steht das Auto schon vor einem, Mr. Yang verlässt fluchtartig den Fahrersitz, sprintet ums Auto herum und reisst die hintere rechte Türe auf.

Zumindest versucht er das. In den meisten Fällen ist mir diese Art der "Bedienung" eher unangenehm, und ich mache bereits selber die Türe auf und sitze schon halb im Auto wenn Mr. Yang seinen Sprint beendet. Ihm bleibt dann nichts mehr übrig als - wieder mit ausgelassener Fröhlichkeit - die Türe lediglich zu schliessen. In einigen Fällen bin ich besonders schnell und schaffe auch dies bevor er sein Ziel erreicht. Dann bricht er seinen Sprint abrupt ab und kehr unverrichteter Dinge auf seinen Fahrersitz zurück.

Mir ist diese Spiel unangenehm. Wie verhalte ich mich richtig? Lasse ich ihm die zweifelhafte Freude, meine Türe jedesmal für mich aufzuhalten bzw. aufhalten zu müssen? Oder ist es noch viel unangenehmer für ihn, mir diese nicht aufmachen zu müssen/dürfen? Man liegt da schnell falsch - wenn er nämlich meint, dass dies zu seinem Job gehört, dann mache ich es ihm in diesem Augenblick - immerhin nett gemeint - unmöglich, seine Arbeit ordentlich zu tun. Oder ist dies eine dumme Überlegung und in Wahrheit denkt er sich jedesmal wenn er mir die Türe aufmacht seinen Teil zu der dekadenten Langnase, die er tagtäglich kutschieren und bedienen darf. Ich versuche genauso freundlich und fröhlich zurückzugrüssen und bedanke mich ständig auf das artigste. "Xie xie" auf chinesisch.

Da sind wir beim nächsten Punkt: das chinesische und seine Aussprache. Das "x" in "Xie" hört sich an wie ein "Sch" mit Wasser im Zahn. Nach ein paar mal anhören ist das kein Problem, man meint, den Laut nachformen zu können. Der Laut an sich macht aber leider nur einen Teil des Wortsinns aus, genauso wichtig ist die Betonung. Für das westliche Ohr spricht ein Chinese die einfache Silbe "Ma" viermal exakt gleich aus, für ihn hat er aber so unterschiedliche Worte wie "Pferd", "Mutter" oder "schimpfen" gesagt.
Das alleine gibt schon Anlass genug für viele lustige Verwechslungen - man denke sich Sätze mit "Mutter" und tausche "Mutter" gegen "Pferd", spätestens dann wird klar, was ich meine. Zum Beispiel hat der Satz "Von hinten siehst Du fast so aus wie Deine Mutter" schon unzählige Ehen auf dem Gewissen.
Hinzu kommt in meinem speziellen Fall, dass Mr. Yang aus Shanghai stammt. Er spricht deshalb auch als Muttersprache den örtlichen Dialekt und nicht Mandarin (die "allgemeine Sprache"). Natürlich kann auch er Mandarin, aber eben mit dem ortsüblichen Einschlag. Davor hat mich mein Chinesischlehrer in Deutschland nicht gewarnt, was ich für ein klares Vergehen, eine Unterlassung halte, denn sogar ich wäre als Deutschlehrer in China durchaus bedacht darauf, meinen Schülern klar zu machen, dass es in Deutschland starke Dialekte gibt. Z.B. treten im südlichen Teil Deutschlands stärkere Lautverschiebungen ein und in jenem bayerischen Winkel zwischen Donau und grossem Arber können die Lautverschiebung gradezu groteske Züge annehmen (und man wird das zuvor im Deutschkurs Gelernte kaum zur Anwendung bringen).

Am ersten Samstag wollte ich mit einem Kollegen ein bisschen einkaufen gehen. Also bestand am Freitag abend die Aufgabe darin, Mr. Yang klarzumachen, dass er am nächsten Tag um 4 Uhr nachmittags bei meiner Wohnung sein zu habe. Stolz konnte ich mein erstes Chinesisch anwenden - und ganz offensichlich verstand Mr. Yang! Er lächelte, ja lachte fast, fröhlich und wiederholte die Aufgabe. War ja nicht sooo schwer. "Morgen" heisst "Mingtian", "vier" heisst "si" und "Uhr" heisst "dian". Ganz einfach. "Mingtian si dian". Mr. Yang packt einen beträchtichen Teil seines Englisch aus und spricht: "ok, ok, ok". Bis dann also - morgen um vier. Mr Yang wiederholt, ich verstehe "Mingtian si dian" und er macht zum Abschied eine Geste die in der westlichen Welt als der Versuch beschrieben würde, Vampire zu vertreiben: ein aus den beiden Zeigefingern geformtes Kreuz. Die Bedeutung fiel mir am nächsten Tag, allerdings zu spät, wieder ein. Chinesisch ist eine tolle Sprache.
Um 12 Uhr mittags, ich habe den Tag ruhig angehen lassen und erst einmal gemütlich bis 10 Uhr ausgeschlafen, klingelt mein Handy. Es ist meine Simultanübersetzerin, Tracey Xu. Eigentlich ist es ihre Aufgabe, ihren Chef (der auch mein Chef ist) und mich mit den typischen Arbeiten einer Sekretärin/Assistentin zu unterstützen. In den lezten Tagen jedoch muss sie immer öfter mein mangelhaftes Chinesisch ausbügeln.
Dies läuft dann meist folgendermassen ab: ich unterhalte mich mit Person X. Person X, ein typischer Cinese, will z.B. bei mir in der Wohnung die defekte, weil rauschende Telefonleitung reparieren. Das einleitende "Ni hao" ("Hallo") geht mir flüssig von den Lippen und wird erwiedert. Sehr gut, den ersten Teil hätten wir geschafft. Wir kommen zur eigentlichen Aufgabe von X. Selbständig findet er mein Telefon und stellt durch intensives Abhören der verrauschten Freizeichens fest, dass die Leitung rauscht. Sehr gut. Problem erkannt. Danach zupft X vorsichtig am Telefonkabel herum und überprüft das Ergebnis anhand des Freizeichens. Offenbar rauscht es immer noch. Nun wird als leichte Steigerung aus dem Zupfen ein Rupfen, er hebt den Hörer mehrmals ab, kontrolliert und stellt fest dass die Situation unverändert geblieben ist. Dann wird wieder ein bisschen am Kabel gezogen und nochmal sichergestellt, dass es immer noch rauscht. Tut es. Die nächsten, jetzt dringend notwendigen Schritte erklärt mir X daraufhin ausfürlich.
Ich verstehe nicht ein Wort. Ich zucke mit den Schultern und schwöre mir, bei der nächsten Unterrichtsstunde Chinesisch nachzufragen was "ich verstehe kein Wort, du kannst es so oft wiederholen wie du magst, ich verstehe kein einziges Wort, ehrlich" heisst. X wiederholt das eben Gesagte. Mehrmals. Ich stelle Rekorde im ahnungslos schauen und Schulterzucken auf. X versucht meine Schwäche im Chinesischen durch Lautstärke wettzumachen. Ein vergeblicher Versuch, leider - mir wird klar, dass nur noch Tracey helfen kann. Ich mache eine überraschende Geste mit meiner Hand um den brüllenden X zum Schweigen zu bringen, zücke mein Mobiltelefon und wähle Traceys Nummer. X ist verblüfft und betrachtet sein offensichtlich geistig behindertes (weil der chinesischen Sprache nicht mächtiges) Gegenüber interessiert. Egal, aus dem Telefon schallt es "Hey Max, how are you?". Englisch, endlich, ich erkläre die Situation und reiche den Hörer weiter. Der anfangs überraschte Blick von X weicht einem verstehenden Ausdruck in seinem Gesicht und ich vermute er wiederholt erneut, was er mir eben schon des öfteren vorgetragen hatte. Ich schätze er baut das Wort "Idiot" noch ein paar mal zusätzlich mit ein. Trace übersetzt: "He found out, that pulling on the telephone cable will not solve the problem".
Ahhhh ja, danke, das hilft jetzt aber sehr. "He will be back soon to fix the problem for you". Gut, das hätten wir vielleicht auch ein kleinwenig einfacher haben können...

Ich schweife ab. Es ist Samstag, 12 Uhr, ich habe in 4 Stunden einen Termin mit Mr. Yang und mein Telefon klingelt weil Tracey anruft. Vielleicht möchte sie etwas für mich übersetzen? Lustig. Ich bin gespannt und hebe ab. "Hey Max, this is Tracey calling. Your driver, Mr. Yang wants to know when you will need him as he is waiting in front of your house for two hours now". "Was?!?" bzw. "what?!?" Es war doch 4, in Worten "vier" Uhr ausgemacht, was macht der Unglücksrabe 6 Stunden zu früh vor meiner Türe? Und warum wartet er 2 Stunden vergebens auf mein Erscheinen, bis er Traceys Übersetzungsdienste in Anspruch nimmt? Och nee...
Ich habe daraus gelernt. Erstens weiss ich nun, wie lange die Geduldsspanne von Mr. Yang ist. 2 Stunden sind, finde ich, sehr sehr viel, an einem Samstag morgen. Zweitens bin ich in eine Feinheit des shanghaier Dialektes eingeweiht worden: Sch und S werden fast identisch ausgesprochen (im hochchinesischen existiert ein deutlicher Unterschied, fast wie im Deutschen). Shi heisst 10 und si heisst 4. Von der Aussprache abgesehen ist die Betonung natürlich anders, aber mal im Ernst, die Betonung ist mir Mutter wie Pferd! Chinesisch ist eine grauenhafte Sprache.

Ich erkläre Tracey, dass Mr. Yang erst um 4 Uhr benötigt wird. "Ok, no problem, Max" frohlockt Traceys Stimme am Telefon. Ich teile ihre Meinung nicht und schäme mich. Es fällt mir auch ein dass Mr. Yangs zum gestrigen Abschied gekreuzte Finger in der Tat keine übernatürlichen Kräfe abwehren sollten, sondern für "10" stehen. Er hat "Mingtian shi dian" gesagt und das auch noch mit Zeichensprache abgesichert.

Um 4 Uhr Nachmittags steht Mr. Yang vor meinem Haus und ist sichtlich amüsiert, während ich mir meiner Schamesröte sehr bewusst bin. Er kugelt sich fast vor Lachen, weil ja er "zehn" gesagt hat, ich aber "vier" meinte. Haha, sehr lustig. Ich nehme an, er bekommt die zusätzliche Zeit bezahlt und freut sich über den am Samstag immerhin doppelten Stundenlohn. In meinen Augen hat er sich den auch redlich verdient.

... link (3 Kommentare)   ... comment