Nächtlicher Blick auf den HuangPu-River und den 'Bund' von meinem Appartment aus
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Sonntag, 16. November 2008
Mr. Yang oder Das Land des Lächelns
maxx_s, 08:21h
Ich habe, gestellt von der Firma, einen Fahrer (samt Auto). Das wirkt zwar auf den ersten Blick etwas dekadent, ist es auf den Zweiten aber auch. In Shanghai kann man wunderbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B reisen, ohne dabei arm zu werden, genauer gesagt kostet eine durchschnittliche Taxifahrt quer durch die Stadt keine 4 Euro, während man bei uns bei vergleichbarer Strecke mit weit über 20 Euro dabei wäre. Soviel zur Notwendigkeit in dieser Stadt einen eigenen Fahrer (samt Auto) zu haben.
Mein Fahrer heisst Mr. Yang.
Mr. Yang ist der zuvorkommendste Mensch den ich kenne. Er lässt es sich bei fast keiner Gelegenheit nehmen, den Fahrersitz, sobald wir den Zielort erreicht haben, fluchtartig zu verlassen, um das Auto herumzusprinten und mir meine hintere, rechte Türe aufzureissen. Dabei lächelt - fast schon lacht - er fröhlich und winkt zum Abschied. Dann fällt ihm ein, dass wir ja noch ausmachen müssen, wann er mich wieder abholen soll.
Mr. Yang spricht kein Englisch. Gut, er kann auf Englisch bis 10 zählen, kann "bye bye", "hello" und "ok, ok, ok".
Bitte nicht falsch verstehen, dass ist deutlich mehr als ich anfangs auf Chinesisch konnte - er war mir weit, weit voraus. Zur Verständigung ist es, überprüft von mir in einigen Feldversuchen, dennoch klar zu wenig. Der Satz, "please pick me up here in half an hour" ist mit den Worten "bye bye", "hello" und "ok, ok, ok" um die Burg nicht zu formulieren. Und ich hab's versucht - es geht wirklich nicht.
Eine der einfachsten Gesten dieser Welt ist es, die rechte Hand als Telefon zu benutzen: man spreizt Daumen und kleinen Finger ab hält den Daumen ans Ohr und spricht in den kleinen Finger. Der Empfang ist meist mehr schlecht als recht, aber zumindest weiss die Person gegenüber was gemeint ist und dass man sich demnächst zusammenruft.
Diese Methode funktioniert wunderbar, wenn man z.B. in einem Restaurant essen geht, in einem Supermarkt einkauft, oder ähnliche, zeitlich begrenzte Dinge macht. Der Fahrer fährt dann um eine Ecke (so stelle ich mir das zumindest vor), stellt sein Auto ab, sich selber schlafend und wartet geduldig.
Sobald man nach dem Essen/Einkaufen/Ähnlichem wieder weiter muss, genügt ein Anruf und innerhalb weniger Augenblicke steht das Auto schon vor einem, Mr. Yang verlässt fluchtartig den Fahrersitz, sprintet ums Auto herum und reisst die hintere rechte Türe auf.
Zumindest versucht er das. In den meisten Fällen ist mir diese Art der "Bedienung" eher unangenehm, und ich mache bereits selber die Türe auf und sitze schon halb im Auto wenn Mr. Yang seinen Sprint beendet. Ihm bleibt dann nichts mehr übrig als - wieder mit ausgelassener Fröhlichkeit - die Türe lediglich zu schliessen. In einigen Fällen bin ich besonders schnell und schaffe auch dies bevor er sein Ziel erreicht. Dann bricht er seinen Sprint abrupt ab und kehr unverrichteter Dinge auf seinen Fahrersitz zurück.
Mir ist diese Spiel unangenehm. Wie verhalte ich mich richtig? Lasse ich ihm die zweifelhafte Freude, meine Türe jedesmal für mich aufzuhalten bzw. aufhalten zu müssen? Oder ist es noch viel unangenehmer für ihn, mir diese nicht aufmachen zu müssen/dürfen? Man liegt da schnell falsch - wenn er nämlich meint, dass dies zu seinem Job gehört, dann mache ich es ihm in diesem Augenblick - immerhin nett gemeint - unmöglich, seine Arbeit ordentlich zu tun. Oder ist dies eine dumme Überlegung und in Wahrheit denkt er sich jedesmal wenn er mir die Türe aufmacht seinen Teil zu der dekadenten Langnase, die er tagtäglich kutschieren und bedienen darf. Ich versuche genauso freundlich und fröhlich zurückzugrüssen und bedanke mich ständig auf das artigste. "Xie xie" auf chinesisch.
Da sind wir beim nächsten Punkt: das chinesische und seine Aussprache. Das "x" in "Xie" hört sich an wie ein "Sch" mit Wasser im Zahn. Nach ein paar mal anhören ist das kein Problem, man meint, den Laut nachformen zu können. Der Laut an sich macht aber leider nur einen Teil des Wortsinns aus, genauso wichtig ist die Betonung. Für das westliche Ohr spricht ein Chinese die einfache Silbe "Ma" viermal exakt gleich aus, für ihn hat er aber so unterschiedliche Worte wie "Pferd", "Mutter" oder "schimpfen" gesagt.
Das alleine gibt schon Anlass genug für viele lustige Verwechslungen - man denke sich Sätze mit "Mutter" und tausche "Mutter" gegen "Pferd", spätestens dann wird klar, was ich meine. Zum Beispiel hat der Satz "Von hinten siehst Du fast so aus wie Deine Mutter" schon unzählige Ehen auf dem Gewissen.
Hinzu kommt in meinem speziellen Fall, dass Mr. Yang aus Shanghai stammt. Er spricht deshalb auch als Muttersprache den örtlichen Dialekt und nicht Mandarin (die "allgemeine Sprache"). Natürlich kann auch er Mandarin, aber eben mit dem ortsüblichen Einschlag. Davor hat mich mein Chinesischlehrer in Deutschland nicht gewarnt, was ich für ein klares Vergehen, eine Unterlassung halte, denn sogar ich wäre als Deutschlehrer in China durchaus bedacht darauf, meinen Schülern klar zu machen, dass es in Deutschland starke Dialekte gibt. Z.B. treten im südlichen Teil Deutschlands stärkere Lautverschiebungen ein und in jenem bayerischen Winkel zwischen Donau und grossem Arber können die Lautverschiebung gradezu groteske Züge annehmen (und man wird das zuvor im Deutschkurs Gelernte kaum zur Anwendung bringen).
Am ersten Samstag wollte ich mit einem Kollegen ein bisschen einkaufen gehen. Also bestand am Freitag abend die Aufgabe darin, Mr. Yang klarzumachen, dass er am nächsten Tag um 4 Uhr nachmittags bei meiner Wohnung sein zu habe. Stolz konnte ich mein erstes Chinesisch anwenden - und ganz offensichlich verstand Mr. Yang! Er lächelte, ja lachte fast, fröhlich und wiederholte die Aufgabe. War ja nicht sooo schwer. "Morgen" heisst "Mingtian", "vier" heisst "si" und "Uhr" heisst "dian". Ganz einfach. "Mingtian si dian". Mr. Yang packt einen beträchtichen Teil seines Englisch aus und spricht: "ok, ok, ok". Bis dann also - morgen um vier. Mr Yang wiederholt, ich verstehe "Mingtian si dian" und er macht zum Abschied eine Geste die in der westlichen Welt als der Versuch beschrieben würde, Vampire zu vertreiben: ein aus den beiden Zeigefingern geformtes Kreuz. Die Bedeutung fiel mir am nächsten Tag, allerdings zu spät, wieder ein. Chinesisch ist eine tolle Sprache.
Um 12 Uhr mittags, ich habe den Tag ruhig angehen lassen und erst einmal gemütlich bis 10 Uhr ausgeschlafen, klingelt mein Handy. Es ist meine Simultanübersetzerin, Tracey Xu. Eigentlich ist es ihre Aufgabe, ihren Chef (der auch mein Chef ist) und mich mit den typischen Arbeiten einer Sekretärin/Assistentin zu unterstützen. In den lezten Tagen jedoch muss sie immer öfter mein mangelhaftes Chinesisch ausbügeln.
Dies läuft dann meist folgendermassen ab: ich unterhalte mich mit Person X. Person X, ein typischer Cinese, will z.B. bei mir in der Wohnung die defekte, weil rauschende Telefonleitung reparieren. Das einleitende "Ni hao" ("Hallo") geht mir flüssig von den Lippen und wird erwiedert. Sehr gut, den ersten Teil hätten wir geschafft. Wir kommen zur eigentlichen Aufgabe von X. Selbständig findet er mein Telefon und stellt durch intensives Abhören der verrauschten Freizeichens fest, dass die Leitung rauscht. Sehr gut. Problem erkannt. Danach zupft X vorsichtig am Telefonkabel herum und überprüft das Ergebnis anhand des Freizeichens. Offenbar rauscht es immer noch. Nun wird als leichte Steigerung aus dem Zupfen ein Rupfen, er hebt den Hörer mehrmals ab, kontrolliert und stellt fest dass die Situation unverändert geblieben ist. Dann wird wieder ein bisschen am Kabel gezogen und nochmal sichergestellt, dass es immer noch rauscht. Tut es. Die nächsten, jetzt dringend notwendigen Schritte erklärt mir X daraufhin ausfürlich.
Ich verstehe nicht ein Wort. Ich zucke mit den Schultern und schwöre mir, bei der nächsten Unterrichtsstunde Chinesisch nachzufragen was "ich verstehe kein Wort, du kannst es so oft wiederholen wie du magst, ich verstehe kein einziges Wort, ehrlich" heisst. X wiederholt das eben Gesagte. Mehrmals. Ich stelle Rekorde im ahnungslos schauen und Schulterzucken auf. X versucht meine Schwäche im Chinesischen durch Lautstärke wettzumachen. Ein vergeblicher Versuch, leider - mir wird klar, dass nur noch Tracey helfen kann. Ich mache eine überraschende Geste mit meiner Hand um den brüllenden X zum Schweigen zu bringen, zücke mein Mobiltelefon und wähle Traceys Nummer. X ist verblüfft und betrachtet sein offensichtlich geistig behindertes (weil der chinesischen Sprache nicht mächtiges) Gegenüber interessiert. Egal, aus dem Telefon schallt es "Hey Max, how are you?". Englisch, endlich, ich erkläre die Situation und reiche den Hörer weiter. Der anfangs überraschte Blick von X weicht einem verstehenden Ausdruck in seinem Gesicht und ich vermute er wiederholt erneut, was er mir eben schon des öfteren vorgetragen hatte. Ich schätze er baut das Wort "Idiot" noch ein paar mal zusätzlich mit ein. Trace übersetzt: "He found out, that pulling on the telephone cable will not solve the problem".
Ahhhh ja, danke, das hilft jetzt aber sehr. "He will be back soon to fix the problem for you". Gut, das hätten wir vielleicht auch ein kleinwenig einfacher haben können...
Ich schweife ab. Es ist Samstag, 12 Uhr, ich habe in 4 Stunden einen Termin mit Mr. Yang und mein Telefon klingelt weil Tracey anruft. Vielleicht möchte sie etwas für mich übersetzen? Lustig. Ich bin gespannt und hebe ab. "Hey Max, this is Tracey calling. Your driver, Mr. Yang wants to know when you will need him as he is waiting in front of your house for two hours now". "Was?!?" bzw. "what?!?" Es war doch 4, in Worten "vier" Uhr ausgemacht, was macht der Unglücksrabe 6 Stunden zu früh vor meiner Türe? Und warum wartet er 2 Stunden vergebens auf mein Erscheinen, bis er Traceys Übersetzungsdienste in Anspruch nimmt? Och nee...
Ich habe daraus gelernt. Erstens weiss ich nun, wie lange die Geduldsspanne von Mr. Yang ist. 2 Stunden sind, finde ich, sehr sehr viel, an einem Samstag morgen. Zweitens bin ich in eine Feinheit des shanghaier Dialektes eingeweiht worden: Sch und S werden fast identisch ausgesprochen (im hochchinesischen existiert ein deutlicher Unterschied, fast wie im Deutschen). Shi heisst 10 und si heisst 4. Von der Aussprache abgesehen ist die Betonung natürlich anders, aber mal im Ernst, die Betonung ist mir Mutter wie Pferd! Chinesisch ist eine grauenhafte Sprache.
Ich erkläre Tracey, dass Mr. Yang erst um 4 Uhr benötigt wird. "Ok, no problem, Max" frohlockt Traceys Stimme am Telefon. Ich teile ihre Meinung nicht und schäme mich. Es fällt mir auch ein dass Mr. Yangs zum gestrigen Abschied gekreuzte Finger in der Tat keine übernatürlichen Kräfe abwehren sollten, sondern für "10" stehen. Er hat "Mingtian shi dian" gesagt und das auch noch mit Zeichensprache abgesichert.
Um 4 Uhr Nachmittags steht Mr. Yang vor meinem Haus und ist sichtlich amüsiert, während ich mir meiner Schamesröte sehr bewusst bin. Er kugelt sich fast vor Lachen, weil ja er "zehn" gesagt hat, ich aber "vier" meinte. Haha, sehr lustig. Ich nehme an, er bekommt die zusätzliche Zeit bezahlt und freut sich über den am Samstag immerhin doppelten Stundenlohn. In meinen Augen hat er sich den auch redlich verdient.
Mein Fahrer heisst Mr. Yang.
Mr. Yang ist der zuvorkommendste Mensch den ich kenne. Er lässt es sich bei fast keiner Gelegenheit nehmen, den Fahrersitz, sobald wir den Zielort erreicht haben, fluchtartig zu verlassen, um das Auto herumzusprinten und mir meine hintere, rechte Türe aufzureissen. Dabei lächelt - fast schon lacht - er fröhlich und winkt zum Abschied. Dann fällt ihm ein, dass wir ja noch ausmachen müssen, wann er mich wieder abholen soll.
Mr. Yang spricht kein Englisch. Gut, er kann auf Englisch bis 10 zählen, kann "bye bye", "hello" und "ok, ok, ok".
Bitte nicht falsch verstehen, dass ist deutlich mehr als ich anfangs auf Chinesisch konnte - er war mir weit, weit voraus. Zur Verständigung ist es, überprüft von mir in einigen Feldversuchen, dennoch klar zu wenig. Der Satz, "please pick me up here in half an hour" ist mit den Worten "bye bye", "hello" und "ok, ok, ok" um die Burg nicht zu formulieren. Und ich hab's versucht - es geht wirklich nicht.
Eine der einfachsten Gesten dieser Welt ist es, die rechte Hand als Telefon zu benutzen: man spreizt Daumen und kleinen Finger ab hält den Daumen ans Ohr und spricht in den kleinen Finger. Der Empfang ist meist mehr schlecht als recht, aber zumindest weiss die Person gegenüber was gemeint ist und dass man sich demnächst zusammenruft.
Diese Methode funktioniert wunderbar, wenn man z.B. in einem Restaurant essen geht, in einem Supermarkt einkauft, oder ähnliche, zeitlich begrenzte Dinge macht. Der Fahrer fährt dann um eine Ecke (so stelle ich mir das zumindest vor), stellt sein Auto ab, sich selber schlafend und wartet geduldig.
Sobald man nach dem Essen/Einkaufen/Ähnlichem wieder weiter muss, genügt ein Anruf und innerhalb weniger Augenblicke steht das Auto schon vor einem, Mr. Yang verlässt fluchtartig den Fahrersitz, sprintet ums Auto herum und reisst die hintere rechte Türe auf.
Zumindest versucht er das. In den meisten Fällen ist mir diese Art der "Bedienung" eher unangenehm, und ich mache bereits selber die Türe auf und sitze schon halb im Auto wenn Mr. Yang seinen Sprint beendet. Ihm bleibt dann nichts mehr übrig als - wieder mit ausgelassener Fröhlichkeit - die Türe lediglich zu schliessen. In einigen Fällen bin ich besonders schnell und schaffe auch dies bevor er sein Ziel erreicht. Dann bricht er seinen Sprint abrupt ab und kehr unverrichteter Dinge auf seinen Fahrersitz zurück.
Mir ist diese Spiel unangenehm. Wie verhalte ich mich richtig? Lasse ich ihm die zweifelhafte Freude, meine Türe jedesmal für mich aufzuhalten bzw. aufhalten zu müssen? Oder ist es noch viel unangenehmer für ihn, mir diese nicht aufmachen zu müssen/dürfen? Man liegt da schnell falsch - wenn er nämlich meint, dass dies zu seinem Job gehört, dann mache ich es ihm in diesem Augenblick - immerhin nett gemeint - unmöglich, seine Arbeit ordentlich zu tun. Oder ist dies eine dumme Überlegung und in Wahrheit denkt er sich jedesmal wenn er mir die Türe aufmacht seinen Teil zu der dekadenten Langnase, die er tagtäglich kutschieren und bedienen darf. Ich versuche genauso freundlich und fröhlich zurückzugrüssen und bedanke mich ständig auf das artigste. "Xie xie" auf chinesisch.
Da sind wir beim nächsten Punkt: das chinesische und seine Aussprache. Das "x" in "Xie" hört sich an wie ein "Sch" mit Wasser im Zahn. Nach ein paar mal anhören ist das kein Problem, man meint, den Laut nachformen zu können. Der Laut an sich macht aber leider nur einen Teil des Wortsinns aus, genauso wichtig ist die Betonung. Für das westliche Ohr spricht ein Chinese die einfache Silbe "Ma" viermal exakt gleich aus, für ihn hat er aber so unterschiedliche Worte wie "Pferd", "Mutter" oder "schimpfen" gesagt.
Das alleine gibt schon Anlass genug für viele lustige Verwechslungen - man denke sich Sätze mit "Mutter" und tausche "Mutter" gegen "Pferd", spätestens dann wird klar, was ich meine. Zum Beispiel hat der Satz "Von hinten siehst Du fast so aus wie Deine Mutter" schon unzählige Ehen auf dem Gewissen.
Hinzu kommt in meinem speziellen Fall, dass Mr. Yang aus Shanghai stammt. Er spricht deshalb auch als Muttersprache den örtlichen Dialekt und nicht Mandarin (die "allgemeine Sprache"). Natürlich kann auch er Mandarin, aber eben mit dem ortsüblichen Einschlag. Davor hat mich mein Chinesischlehrer in Deutschland nicht gewarnt, was ich für ein klares Vergehen, eine Unterlassung halte, denn sogar ich wäre als Deutschlehrer in China durchaus bedacht darauf, meinen Schülern klar zu machen, dass es in Deutschland starke Dialekte gibt. Z.B. treten im südlichen Teil Deutschlands stärkere Lautverschiebungen ein und in jenem bayerischen Winkel zwischen Donau und grossem Arber können die Lautverschiebung gradezu groteske Züge annehmen (und man wird das zuvor im Deutschkurs Gelernte kaum zur Anwendung bringen).
Am ersten Samstag wollte ich mit einem Kollegen ein bisschen einkaufen gehen. Also bestand am Freitag abend die Aufgabe darin, Mr. Yang klarzumachen, dass er am nächsten Tag um 4 Uhr nachmittags bei meiner Wohnung sein zu habe. Stolz konnte ich mein erstes Chinesisch anwenden - und ganz offensichlich verstand Mr. Yang! Er lächelte, ja lachte fast, fröhlich und wiederholte die Aufgabe. War ja nicht sooo schwer. "Morgen" heisst "Mingtian", "vier" heisst "si" und "Uhr" heisst "dian". Ganz einfach. "Mingtian si dian". Mr. Yang packt einen beträchtichen Teil seines Englisch aus und spricht: "ok, ok, ok". Bis dann also - morgen um vier. Mr Yang wiederholt, ich verstehe "Mingtian si dian" und er macht zum Abschied eine Geste die in der westlichen Welt als der Versuch beschrieben würde, Vampire zu vertreiben: ein aus den beiden Zeigefingern geformtes Kreuz. Die Bedeutung fiel mir am nächsten Tag, allerdings zu spät, wieder ein. Chinesisch ist eine tolle Sprache.
Um 12 Uhr mittags, ich habe den Tag ruhig angehen lassen und erst einmal gemütlich bis 10 Uhr ausgeschlafen, klingelt mein Handy. Es ist meine Simultanübersetzerin, Tracey Xu. Eigentlich ist es ihre Aufgabe, ihren Chef (der auch mein Chef ist) und mich mit den typischen Arbeiten einer Sekretärin/Assistentin zu unterstützen. In den lezten Tagen jedoch muss sie immer öfter mein mangelhaftes Chinesisch ausbügeln.
Dies läuft dann meist folgendermassen ab: ich unterhalte mich mit Person X. Person X, ein typischer Cinese, will z.B. bei mir in der Wohnung die defekte, weil rauschende Telefonleitung reparieren. Das einleitende "Ni hao" ("Hallo") geht mir flüssig von den Lippen und wird erwiedert. Sehr gut, den ersten Teil hätten wir geschafft. Wir kommen zur eigentlichen Aufgabe von X. Selbständig findet er mein Telefon und stellt durch intensives Abhören der verrauschten Freizeichens fest, dass die Leitung rauscht. Sehr gut. Problem erkannt. Danach zupft X vorsichtig am Telefonkabel herum und überprüft das Ergebnis anhand des Freizeichens. Offenbar rauscht es immer noch. Nun wird als leichte Steigerung aus dem Zupfen ein Rupfen, er hebt den Hörer mehrmals ab, kontrolliert und stellt fest dass die Situation unverändert geblieben ist. Dann wird wieder ein bisschen am Kabel gezogen und nochmal sichergestellt, dass es immer noch rauscht. Tut es. Die nächsten, jetzt dringend notwendigen Schritte erklärt mir X daraufhin ausfürlich.
Ich verstehe nicht ein Wort. Ich zucke mit den Schultern und schwöre mir, bei der nächsten Unterrichtsstunde Chinesisch nachzufragen was "ich verstehe kein Wort, du kannst es so oft wiederholen wie du magst, ich verstehe kein einziges Wort, ehrlich" heisst. X wiederholt das eben Gesagte. Mehrmals. Ich stelle Rekorde im ahnungslos schauen und Schulterzucken auf. X versucht meine Schwäche im Chinesischen durch Lautstärke wettzumachen. Ein vergeblicher Versuch, leider - mir wird klar, dass nur noch Tracey helfen kann. Ich mache eine überraschende Geste mit meiner Hand um den brüllenden X zum Schweigen zu bringen, zücke mein Mobiltelefon und wähle Traceys Nummer. X ist verblüfft und betrachtet sein offensichtlich geistig behindertes (weil der chinesischen Sprache nicht mächtiges) Gegenüber interessiert. Egal, aus dem Telefon schallt es "Hey Max, how are you?". Englisch, endlich, ich erkläre die Situation und reiche den Hörer weiter. Der anfangs überraschte Blick von X weicht einem verstehenden Ausdruck in seinem Gesicht und ich vermute er wiederholt erneut, was er mir eben schon des öfteren vorgetragen hatte. Ich schätze er baut das Wort "Idiot" noch ein paar mal zusätzlich mit ein. Trace übersetzt: "He found out, that pulling on the telephone cable will not solve the problem".
Ahhhh ja, danke, das hilft jetzt aber sehr. "He will be back soon to fix the problem for you". Gut, das hätten wir vielleicht auch ein kleinwenig einfacher haben können...
Ich schweife ab. Es ist Samstag, 12 Uhr, ich habe in 4 Stunden einen Termin mit Mr. Yang und mein Telefon klingelt weil Tracey anruft. Vielleicht möchte sie etwas für mich übersetzen? Lustig. Ich bin gespannt und hebe ab. "Hey Max, this is Tracey calling. Your driver, Mr. Yang wants to know when you will need him as he is waiting in front of your house for two hours now". "Was?!?" bzw. "what?!?" Es war doch 4, in Worten "vier" Uhr ausgemacht, was macht der Unglücksrabe 6 Stunden zu früh vor meiner Türe? Und warum wartet er 2 Stunden vergebens auf mein Erscheinen, bis er Traceys Übersetzungsdienste in Anspruch nimmt? Och nee...
Ich habe daraus gelernt. Erstens weiss ich nun, wie lange die Geduldsspanne von Mr. Yang ist. 2 Stunden sind, finde ich, sehr sehr viel, an einem Samstag morgen. Zweitens bin ich in eine Feinheit des shanghaier Dialektes eingeweiht worden: Sch und S werden fast identisch ausgesprochen (im hochchinesischen existiert ein deutlicher Unterschied, fast wie im Deutschen). Shi heisst 10 und si heisst 4. Von der Aussprache abgesehen ist die Betonung natürlich anders, aber mal im Ernst, die Betonung ist mir Mutter wie Pferd! Chinesisch ist eine grauenhafte Sprache.
Ich erkläre Tracey, dass Mr. Yang erst um 4 Uhr benötigt wird. "Ok, no problem, Max" frohlockt Traceys Stimme am Telefon. Ich teile ihre Meinung nicht und schäme mich. Es fällt mir auch ein dass Mr. Yangs zum gestrigen Abschied gekreuzte Finger in der Tat keine übernatürlichen Kräfe abwehren sollten, sondern für "10" stehen. Er hat "Mingtian shi dian" gesagt und das auch noch mit Zeichensprache abgesichert.
Um 4 Uhr Nachmittags steht Mr. Yang vor meinem Haus und ist sichtlich amüsiert, während ich mir meiner Schamesröte sehr bewusst bin. Er kugelt sich fast vor Lachen, weil ja er "zehn" gesagt hat, ich aber "vier" meinte. Haha, sehr lustig. Ich nehme an, er bekommt die zusätzliche Zeit bezahlt und freut sich über den am Samstag immerhin doppelten Stundenlohn. In meinen Augen hat er sich den auch redlich verdient.
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