Nächtlicher Blick auf den HuangPu-River und den 'Bund' von meinem Appartment aus

Freitag, 28. November 2008
Die kleinen Unterschiede oder Meine gereifte Persönlichkeit
Psychologie funktioniert am besten, wenn man sie auf sich selber anwendet. Bei mir zumindest. Ein Bekannter hat mir neulich hier in Shanghai - fast beiläufig - erklärt, warum es MEIN Fehler ist, wenn ich mich über das schlechte Englisch mancher Chinesen ärgere. Die Situation sei doch ganz klar so, dass nicht SIE in der Pflicht wären, besser Englisch zu können, sondern die Frage müsse lauten, warum nicht ICH besser Chinesisch spreche. Ein guter Punkt, der es wert ist, näher betrachtet zu werden.
Ein Beispiel, wie selbstverständlich wir eigentlich mir sprachlichen Situationen in der uns bekannten Hemisphäre umgehen. Kein Mensch würde nach Amerika fahren, sich an die Theke eines Fast-food Restaurants stellen und mit leichtem Ruhrpotteinschlag ausrufen: "So, Jongens, nu macht mich ma zwai Mäc-Dinngens, mid ooorntlich Fritten bei, un nich an'n ketschap sparn,..." (Obwohl, bei längerem Nachdenken - so schrecklich die Vorstellung ist - wahrscheinlich ist genau das auch schon passiert, ich kann den weiteren Verlauf des Gesprächs beginnened mit den Worten, "Yo, doug, wass' your fuckin' problem, man..." fast hören…).
In Amerika gehen wir einfach davon aus, dass die einheimische Bevölkerung nur Englisch spricht. Abgesehen davon, dass diese Annahme irrig ist (viele sprechen hervorragend Spanisch - na gut, dafür kaum Englisch), warum gehen wir davon aus, man spräche in China ebenfalls Englisch? Wahrscheinlich sind wir aus unseren Erfahrungen in vielen (europäischen) Ländern einfach viel zu verwöhnt. Sogar mit Deutsch kommt man oft erstaunlich weit. Auf Malle gibt es an jeder Ecke "Shnitzell mit Pömmes" und die Italiener haben unsere Lieblingsgerichte kombiniert indem sie "Pizza mit Wurstel" (immer wieder ein echter Bruller) anbieten. In vielen anderen Ländern kommen wir gewohnheitsgemäß mit Englisch durch, auch wenn so mancher Winkel unseres bekannten Kulturkreises zwischen Provence und Erzgebirge vielleicht nicht immer einwandfreies Oxford-English feilbietet. Aber nein, kaum in China angekommen, beschweren wir uns still und zuweilen auch lautstark, dass die Speisekarte in dem kleinen Ecklokal in der chinesischen Provinz nicht nur keine englischen Untertitel führt, sondern auch noch vollkommen ohne Bilder und lediglich mit unverständlichen chinesischen Schriftzeichen aufwartend uns gereicht wird. Ich habe beschlossen, von nun an dergestalte westliche Arroganz zu missbilligen.
Alles in allem hat der Einwand meines Bekannten also dazu geführt, dass ich heute mit Situationen, in denen mein Gegenüber erst behauptet ein wenig Englisch zu können und die Kommunikation dann doch scheitert weil Bahnhof verstanden wird, viel gelassener umgehe. Ich überliste mich selber und ersticke jeden Ärger im Keim, indem ich mir selbst als Psychiater zur Seite stehe und mir erkläre, woher meine Wut kommt, und warum sie ungerechtfertigt ist. Dementsprechend begreife ich mich heute als gereifte Persönlichkeit, die kulturelle Unterschiede, sprachliche Missverständnisse und dergleichen kindische Unreife überwunden hat und entsprechende Situationen mit weltmännischer Gelassenheit nimmt. Bis eben.
Warum? Nun, es ist der Grund, warum ich diesen Text schreibe. Mit der Sprache bin ich soweit, mit anderen kulturellen Unterschieden wohl noch nicht. Ich warte gerade am Shanghaier Flughafen in einem Cafe/Restaurant auf das Boarding nach Gouangzhou. Neben mir sitzt ein gut gekleideter chinesischer Herr der genüsslich seine Nudelsuppe in einer solch ohrenbetäubenden Lautstärke schlürft, dass ich kurz davor bin, ihn beim Schopf zu packen, seinen Kopf in die heiße Suppe zu tunken und lauthals entrüstet ihm mein Entsetzen über sein unmögliches Benehmen ins verbrühte Gesicht entgegenzubrüllen. Mich durchflutet eine Gefühlswelle aus kalter Wut auf den schlürfenden Asiaten und Entsetzen über mich selbst. Ich reiße mich mit letzter Kraft bis zum Ende der Suppe (und damit des Geräuschpegels neben mir) zusammen und schaffe es, meinen Nebenmann unversehrt zum Nachtisch kommen zu lassen.
Es bleibt mir also, betrübt festzustellen, dass ich noch keinen psychologischen Trick gefunden habe, der mir bezüglich Art der Essensaufnahme einiger Chinesen ein klein wenig mehr Souveränität verschaffen würde. Mein Trost ist, dass der gute Mann meinen Wutausbruch aufgrund seines sicher mangelhaften Englischs vermutlich sowieso nicht verstanden hätte - womit ich übrigens sehr souverän umgegangen wäre.

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