Nächtlicher Blick auf den HuangPu-River und den 'Bund' von meinem Appartment aus

Montag, 9. März 2009
Ein kleiner Scherz oder Humor ist nicht wenn keiner lacht
Wir deutsche sind schon ein lustig' Völkchen. Wir haben weltweit anerkannte Giganten der Komik hervorgebracht - ich erinnere nur an Otto oder, noch besser, Dieter Hallervorden. Bei Loriot halten uns Ausländer sowieso für bekloppt, über einen Menschen zu lachen, der für sie einfach nur extrem peinlich deutsch ist. Chinesen haben im Vergleich zu uns und unseren europäischen Nachbarn einen anderen Humor. Einen völlig anderen.

In meinem Badezimmer floss die ersten Wochen ein stetes Rinnsal vom Waschbeckenunterschrank in Richtung Bodenabfluss (auf der anderen Seite des Raumes). An dieser Stelle möchte ich bemerken wie bewundernswert vorausschauend man bei der Planung des Hauses offensichtlich war, einen solchen Abfluss in alle Nassräume einzubauen (unvermeidbare Undichtigkeiten bereits antizipierend) - und wie bewundernswert kurzsichtig, dies auf der falschen Seite der Zimmers zu tun. Wie dem auch sei, der Anschluss des Kaltwassers, aus der Wand kommend, war undicht und lieferte einen kleinen Strom Wasser frei Haus. Die Bemängelung des Zustandes beim Vermieter führte dazu, dass am nächsten Samstag ein Arbeiter vorbeikam. Ich meine, es war derselbe Mann der früher (s.u.) bereits so eifrig mein Telefonkabel zurechtzupfen wollte, aber da täuscht man sich schnell. Nach kurzer Besichtigung der Unglücksstelle wird wie üblich der Sachverhalt in fließendem Chinesisch erläutert, aber ich habe gelernt. "Ting bu dong"* stellt den Mann ruhig.
Louise von der Hausverwaltung kann leidlich gut Englisch und wird angerufen. Sie übersetzt und es wird klar, dass ein Ersatzteil notwendig ist, welches am Wochenende nicht zu beschaffen sei. Nächste Woche würde die Reparatur dann stattfinden, ich könne mich entscheiden bis dahin mit dem Rinnsal zu leben, oder aber den Haupthahn zur Wohnung zudrehen zu lassen. Die aufkommenden Gedanken über die Körperhygiene eines Chinesen der vorschlägt eine Woche ohne Wasser auszukommen verdränge ich schnell. Louise denkt offenbar ähnlich und wir einigen uns auf eine weitere Woche leises Plätschern.

Der nächste Samstag ist gekommen und ein weiterer Arbeiter trifft ein um die Sache nun ein für allemal zu regeln. Anhand des fortgeschrittenen Alters des Mannes erkenne ich sofort, dass diesmal tatsächlich eine andere Person gekommen ist. Der Quell der steten Unfreude wird begutachtet, ich rufe Louise an um mir die Übersetzung geben zu lassen und sie meint, dass ein Ersatzteil notwendig ist, welches am Wochenende nicht zu beschaffen sei.
Ich überlege kurz, ob ich ihr von einem der eindruckvollsten Deja-vu's meines Lebens erzählen soll. Kurz darauf erstürmt die Realität mein Bewusstsein. Ja Hallo!, ich glaub' ich spinne. Also gut, knurre ich ins Telefon zurück, aber nächste Woche wird hier abgedichtet und wenn der Typ bis zum St. Nimmerleinstag seinen Daumen in die Wand stecken muss. Louise entschuldigt sich und verspricht nächste Woche selber mitzukommen. In meinem wasserdurchströmten Unterschrank aus aufgequollener Spanpressplatte gedeihen wunderbar bunte Schimmelkulturen.

Eine weitere Woche zieht ins Land und tatsächlich kommt am darauf folgenden Samstag Louise mit Kollege Arbeiter im Schlepptau vorbei und beaufsichtigt zusammen mit mir den Fortgang der Arbeiten. Ich gebe mich versöhnlich und erwähne, dass ich das Rinnsal inzwischen den "kleinen Yang-tze" getauft habe. Dieser mittelmäßige Scherz kam Tage zuvor bei einer deutschen Bekannten hervorragend an.
Louise blickt mich interessiert an und fragt kurz darauf: "Why?". Ich versuche gegen besseres Wissen, den sowieso schon mageren Witz zu retten und erkläre, weil doch der größte chinesische Fluss in der Nähe von Shanghai Yang-tse hieße. Louise ist verwundert: "but that is a RIVER". Ich lächle gequält und erwähne, deswegen sei es ja auch nur der "kleine" Yang-tse. Louise ist noch nicht bereit, sich auf die nun immer weiter schwindende Komik einzulassen: "But this is not river, it is leaking water pipe". Ich gebe auf, "yes", sage ich, es sei nur ein Scherz gewesen, "just a joke".
Louise betrachtet mich lange und eingehend. Kollege Arbeiter schraubt und repariert, ich verlagere mein Übergewicht von einem Bein aufs andere und Louise denkt nach. Nach eingehendem Überlegen rückt sie heraus: "But isn't joke supposed to be funny?".
Guter Punkt, ich resigniere kleinlaut mit einem traurigen "yes, indeed" und überlasse das Badezimmer sich selbst bzw. meinen humorlosen neuen Freunden von der Hausverwaltung um mir, in der Ehre des Komikers verletzt, einen Kaffee zu machen.

*wörtlich übersetzt heißt dies "ting - höre, bu - nicht, dong - verstehe", zu deutsch "ich verstehe Dich zwar akustisch, aber ich kapier's nicht" und es ist wohl einer der nützlichsten Sätze im Chinesisch des Anfängers

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