Nächtlicher Blick auf den HuangPu-River und den 'Bund' von meinem Appartment aus

Samstag, 13. Juni 2009
Morgenmuffel oder Das Land der zu früh aufgehenden Sonne
Wer mich besser kennt, weiß vermutlich auch um meine ganz persönliche Königsdisziplin: morgens ganz früh aufstehen. Am liebsten um zunächst eine gute Stunde Sport zu treiben, danach schnell geduscht, frisch rasiert und in ein fein gebügeltes, strahlend weißes Hemd zum schwarzen Anzug geschlüpft, ein schönes Fitness-Frühstück (Salat, frisches Obst und ein wenig Müsli), im Anschluss gemütlich Zeitung lesen zu einer guten Tasse Kaffee (schwarz, ohne Zucker bitte) und dann, gegen 6 Uhr 30, frisch und fröhlich auf in die Arbeit. Eine wahrlich lustige Vorstellung...
Im Ernst: für mich weckt der Spruch „Morgenstund’ hat Gold im Mund“ als Assoziation einen zahnlosen müden Greis in dessen fast leerer Mundhöhle noch ein paar Goldzähne aufblitzen. Normalerweise wache ich unsanft und verschlafen zum fiesen Klang meines Weckers auf, verfluche alle mir bekannten Götter der Morgenröte und versuche beim Einschalten des „Snooze“ am Wecker, diesem kalten Apparat körperliche Schmerzen zuzufügen. Der Vorgang wiederholt sich exakt so nach 10 Minuten.
Nach weiteren 10 Minuten ist es jetzt normalerweise 7 Uhr 50. Der Wecker schnarrt zum dritten Male heiser in die Nacht hinaus und stehe ich vor der allmorgendlichen Gewissensfrage: noch mal 10 Minuten dösen – das himmlische Gefühl, erneut in die wunderbare Schlummerwelt der herrlich flauschigen Bettlichkeit zu entschwinden, verlockt so sehr – oder gleich Aufstehen. Dank der gewonnenen 10 Minuten könnte ich zumindest noch einen Schluck Kaffee (weiß, viel Zucker) zu mir nehmen.
Häufig jedoch macht die Bettstatt das Rennen und in diesem Fall sind nach erneutem Klang des Weckers noch 20 Minuten Zeit bis zur Abfahrt in Richtung Arbeit. 20 Minuten sind eindeutig zu wenig um geputzt und geschniegelt mit kompletter Montur das Haus zu verlassen. Wenn ich also nicht nur in Unterhosen bekleidet rechtzeitig aus der Wohnung kommen will, muss ich entsprechend beim Putzen und Schniegeln gewisse Abstriche machen.
Meist robbe ich zunächst auf allen Vieren in Richtung Bad – mehr Energie ist dank des letztendlich erschöpfenden 4-maligen Einschlaf-Aufwach-Wechsels nicht vorhanden. Verschlafen schrubbe ich mit der Zahnbürste meine Achselhöhlen, sprühe mir ausgiebig Deo-Spray in den Mund und verzichte beim Rasieren auf das umständliche Einseifen mit Rasierpinsel und Schaum – geht ohne schneller. Meine Gesichtshaut dankt mir diese Rücksichtnahme indem sie sich ausgiebig rötet und sich so farblich mit meinen blutunterlaufenen Augen abstimmt.
Ich blicke in den Spiegel und erschrecke kurz vor mir selbst (meine Augen sind das erste mal am Tag überhaupt richtig offen), kippe mir ca. sieben Liter möglichst kaltes Wasser über den Kopf und fasse den ersten klaren Gedanken am Tag: Scheiße ich komm zu spät. Schnell angezogen – linker und rechter Socken sind unterschiedlich, egal, keine Zeit - und schon geht’s auf. Gegen 9 Uhr bin ich im Büro und zwei Kaffee mit Keksen später ist der Tag endlich mein Freund. Und so geht das praktisch jeden Morgen. Ich hasse Aufstehen.

Japan, Donnerstagabend, in einem Shabu-shabu Restaurant in Tokyo: ich sitze mit zwei japanischen Kollegen beim leckeren Abendessen und da ich am nächsten Tag mit einem von ihnen zum Kunden muss, frage ich wann wir uns denn morgens im Hotel treffen wollen. Im Stillen hoffe ich natürlich, dass wir erst gegen 10 Uhr los müssen, aber wie fast immer ist diese Hoffnung vergebens. 7:20 – praktisch kurz nach Mitternacht – in der Lobby, erklärt mir der Unmensch. Na super! Und weil ich weiß, dass ich vermutlich erst spät nach Mittag wieder Gelegenheit habe etwas zu Essen, muss ich auch noch vorher zum Frühstück. Hinzu kommt erschwerend, dass Japan eine Stunde voraus ist, ich muss also gegen 5 Uhr Shanghai-Zeit Aufstehen. Ich gratuliere mir selber ausführlich zu diesen Aussichten.
Am nächsten Tag, pünktlich um 7:20, erscheine ich, rasiert und gefrühstückt, an der vereinbarten Stelle, mein japanischer Kollege ist bereits da, und ich erhalte eine Lektion in Sachen „Kultur des auf keinen Fall Zuspätkommens“.
„We go to Tokyo Station now, take train”, erklärt mir der offensichtlich ausgeschlafene kleine Kerl mit fröhlicher Mine. „Ah - kenn ich“, denke ich mir, „ist nur 5 Minuten zu Fuß vom Hotel“. Er fügt hinzu: „Can go now, train leaves in one hour and 10 minutes“.
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich verhört habe. Nochmal, wann geht der Zug? Tatsächlich, in über einer Stunde. Zwischen zusammengepressten Zahnreihen murmle ich „You’ve got to be fu&*ing kidding me”. Und erwäge kurz, einfach wieder in mein Zimmer zu gehen um mich noch eine gute halbe Stunde aufs Ohr zu hauen. Oder mich gleich für den Rest des Tages zu verabschieden mit den Worten: „Lass mich von Euch doch nicht vera%$%*“.
„Yes“, freut sich mein neuer Freund, „in Japan we make very sure not come late“. Verstehe, na, da fühl’ ich mich doch gleich besser. Wir erreichen den Kunden dann übrigens 45 Minuten zu früh, das sei aber durchaus so üblich, sagt mein Kollege. Japan wird wohl nicht mein Land werden…

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