Nächtlicher Blick auf den HuangPu-River und den 'Bund' von meinem Appartment aus
Donnerstag, 3. Dezember 2009
Wenn einer eine Reise tut oder Vom Regen in die Traufe (1)
maxx_s, 03:21h
Dezember 2008: Ich sitze im Flieger nach Chicago, das erste Mal nach einem Vierteljahr Asien zurück in die westliche Zivilisation und dann gleich in das Land der unmöglichen Beschränkten (oder so ähnlich, ach nee, unbeschränkte irgendwas, egal…). Auf meinem Gesicht spiegelt sich ein breites Grinsen, in froher Erwartung dessen, was der krasse Gegensatz alles bei mir auslösen wird. Da ich bisher an keiner Stelle den "Westen" vermisst habe, hoffe ich zumindest dass mir vieles auffällt, wenn ich erst mal wieder dort angekommen bin.
Die Sitze des United Airline Jumbo's sind leider kein Aushängeschild für die zu erwartenden Annehmlichkeiten. Die Maschine wirkt insgesamt eher so als wäre sie aus der ersten Generation der 747 und hätte eine Generalüberholung notwendig, aber gut, wir wissen ja dass amerikanische Airlines seit Jahren unter extremem Kostendruck leiden, deshalb wollen wir ein Auge zudrücken und übersehen die Flecken und Löcher in den Sitzbezügen großzügig.
Neben mir sitzt ein sympathisch wirkender Mittvierziger der mich, als er mein Chinesisch-Vokabelheft entdeckt, mit eindeutig amerikanischem Akzent anspricht. "So, you're studying Chinese?" beginnt er die Unterhaltung.
Man kennt sie ja, die Amerikaner. Wer als US-Bürger den britischen Akzent versteht, gilt bereits als Person mit erweiterten Fremdsprachenkenntnissen. Der Amerikaner im Ausland rechnet stets fest damit, dass eh alles Englisch spricht, wozu sich also um die lokale Sprache kümmern. Oder in diesem Falle, die Person im Flugzeug neben sich (also mich) fragen, ob sie der Englischen Sprache mächtig ist. Na gut es ist ein Flug in die USA und ich sehe nicht aus wie ein Chinese, also geht er davon aus, dass ich Amerikaner bin. Wie dem auch sei…
Seine Frage lautet also, ob ich chinesisch lerne - mein Brustkorb schwillt an, denn der Stolz auf die Tatsache dass ich in einem chinesischen Lokal Nudelsuppe bestellen kann (und sie in seltenen Fällen auch bekomme) fordert seinen Platz. Ich lege mir kurz eine Strategie zurecht, wie ich am eindrucksvollsten den Unterschied zwischen einem typischen amerikanischen Banausen und einem kultivierten, sich an die Umstände des Auslandes anpassenden Europäer erläutern kann. Vermutlich ist es das Beste, ich erkläre ihm zunächst die grundlegenden Merkmale der sinotibetischen Sprachfamilie und vergleiche diese mit den europäischen Sprachen (und hoffe im Stillen, dass er bereits an der Vokabel "sinotibetisch" scheitert). Mir ist bewusst, dass ich bei den Details vermutlich ein wenig improvisieren muss, aber - hey - er ist Amerikaner und mein zweiter Vorname ist “improvisiert überzeugend auf völlig unbekanntem Terrain“ *.
Ich setze also mein allseits beliebtes Oberlehrergesicht auf, hole tief Luft und – werde von meinem Gesprächspartner abgefangen indem er mir eröffnet: „You see, I’ve been a Chinese and English Teacher at the University of Shanghai for the last 12 years, so, how do you like the language?“. Des Stolzes Schwellung verlässt augenblicklich und pfeifend meinen Brustkorb und mit ihr verschwindet die Sympathie für meinen Nachbarn. Ein typisch amerikanischer Angeber eben, war ja auch nicht anders zu erwarten.
Ich gebe mich einsilbig und beschränke die Unterhaltung auf das Wesentliche. Immerhin schafft er es, im Verlauf des Gesprächs einige Punkte gutmachen, als er mich für meinen Versuch Chinesisch zu erlernen, lobt. Ich erwähne beiläufig, als er ausführt, dass dies für Amerikaner ja eher ungewöhnlich wäre, dass ich Europäer sei. Insbesondere gefällt mir, dass er dies am Akzent nicht sofort identifizieren konnte und mich zunächst für einen Landsmann gehalten haben musste. Der Punktestand erhöht sich weiter, als er mich daraufhin ausdrücklich auf meine gute Englische Aussprache hinweist. Mein Bewusstsein verdrängt die Tatsache, dass dies vermutlich nur der – eben typisch amerikanische – Versuch ist, nett zu sein. Wir kommen besser ins Gespräch während langsam die Startvorbereitungen ans laufen kommen.
Man kennt den Sermon der Stewardessen über Atemmasken die man zunächst sich selbst aufsetzt und, wenn noch eine aufzutreiben ist, erst dann etwaigen Kindern über den Kopf stülpen soll. Die Aufforderung, dann möglichst gleichmäßig zu atmen, finde ich besonders komisch. Ich stelle mir vor in einem abstürzenden Flugzeug bei Druckverlust zu sitzen, während um mich herum 156 weitere Passagiere konzentriert versuchen ihren Atem in einer Art Joga-Übung auf niedrigem Level zu halten. Sehr wahrscheinlich. Da ich und vermutlich auch mein neuer Freund aus den Staaten die Ansage bereits mehrere hundert Mal gehört haben, achten wir Unhöflicherweise nicht mehr darauf und fahren in unserer Unterhaltung fort. Jäh wird diese jedoch von der Stewardess unterbrochen, die mit den Worten „Hey guys listen to this and stop talking“ unsanft einschreitet. Meinem ansonsten recht wohlerzogenen Nachbarn entfahren die Worte „Fuck, what a bitch“, allerdings entschuldigt er sich sofort mehrmals bei mir für die unkontrollierte Verwendung solch unflätiger Sprache. Ich verzeihe ihm spontan von ganzem Herzen und hoffe nur die Stewardess hat ihn nicht gehört, wir müssten sonst wohl mit einem größeren Polizeiaufgebot am Ankunftsort rechnen.
Der weitere Flug nach Chicago verläuft – im Gegensatz zum sich dann anschließenden Teil – allerdings unspektakulär und wir kommen mit einer leichten Verspätung von 15 Minuten gegen 16:15 Uhr in O’Hare an. Kurz vor der Landung erleben wir noch einen wunderbaren Sonnenuntergang als sich die letzten Wolken einer schneebringenden Schlechtwetterfront in Richtung Westen verziehen. Ich bin guter Dinge denn die Zeit sollte knapp für meinen Anschlussflug nach Florida um 18:00 reichen….
- - - Ende Teil 1 - - -
*mein Vater erinnert sich sicherlich noch mit Freude and meine Erläuterungen zur „linksdrehenden Milchsäure“. Zum Zeitpunkt (10. Klasse) meiner komplett erfundenen, wenngleich offensichtlich äußerst glaubwürdigen Erklärung hatte ich keine Ahnung was Milchsäure ist, geschweige denn, warum sie sich ausgerechnet nach links dreht. Der Eindruck war leider bleibend, als ich das Lügengebäude aus Mitleid selbst zum Einsturz brachte stand von da ab mein Vater allen weiteren naturwissenschaftlichen Erklärungen meinerseits mit großer Skepsis gegenüber. Die Tatsache, dass ich später über ein verwandtes Thema (links- und rechtsdrehende Moleküle) promovieren sollte, half wenig. Ich befürchte, mein Vater hält meine Doktorarbeit für eine große Lüge, die ich geschickt meinem Professor glaubhaft machen konnte. Das ist natürlich ein völlig abwegiger Gedanke…
Die Sitze des United Airline Jumbo's sind leider kein Aushängeschild für die zu erwartenden Annehmlichkeiten. Die Maschine wirkt insgesamt eher so als wäre sie aus der ersten Generation der 747 und hätte eine Generalüberholung notwendig, aber gut, wir wissen ja dass amerikanische Airlines seit Jahren unter extremem Kostendruck leiden, deshalb wollen wir ein Auge zudrücken und übersehen die Flecken und Löcher in den Sitzbezügen großzügig.
Neben mir sitzt ein sympathisch wirkender Mittvierziger der mich, als er mein Chinesisch-Vokabelheft entdeckt, mit eindeutig amerikanischem Akzent anspricht. "So, you're studying Chinese?" beginnt er die Unterhaltung.
Man kennt sie ja, die Amerikaner. Wer als US-Bürger den britischen Akzent versteht, gilt bereits als Person mit erweiterten Fremdsprachenkenntnissen. Der Amerikaner im Ausland rechnet stets fest damit, dass eh alles Englisch spricht, wozu sich also um die lokale Sprache kümmern. Oder in diesem Falle, die Person im Flugzeug neben sich (also mich) fragen, ob sie der Englischen Sprache mächtig ist. Na gut es ist ein Flug in die USA und ich sehe nicht aus wie ein Chinese, also geht er davon aus, dass ich Amerikaner bin. Wie dem auch sei…
Seine Frage lautet also, ob ich chinesisch lerne - mein Brustkorb schwillt an, denn der Stolz auf die Tatsache dass ich in einem chinesischen Lokal Nudelsuppe bestellen kann (und sie in seltenen Fällen auch bekomme) fordert seinen Platz. Ich lege mir kurz eine Strategie zurecht, wie ich am eindrucksvollsten den Unterschied zwischen einem typischen amerikanischen Banausen und einem kultivierten, sich an die Umstände des Auslandes anpassenden Europäer erläutern kann. Vermutlich ist es das Beste, ich erkläre ihm zunächst die grundlegenden Merkmale der sinotibetischen Sprachfamilie und vergleiche diese mit den europäischen Sprachen (und hoffe im Stillen, dass er bereits an der Vokabel "sinotibetisch" scheitert). Mir ist bewusst, dass ich bei den Details vermutlich ein wenig improvisieren muss, aber - hey - er ist Amerikaner und mein zweiter Vorname ist “improvisiert überzeugend auf völlig unbekanntem Terrain“ *.
Ich setze also mein allseits beliebtes Oberlehrergesicht auf, hole tief Luft und – werde von meinem Gesprächspartner abgefangen indem er mir eröffnet: „You see, I’ve been a Chinese and English Teacher at the University of Shanghai for the last 12 years, so, how do you like the language?“. Des Stolzes Schwellung verlässt augenblicklich und pfeifend meinen Brustkorb und mit ihr verschwindet die Sympathie für meinen Nachbarn. Ein typisch amerikanischer Angeber eben, war ja auch nicht anders zu erwarten.
Ich gebe mich einsilbig und beschränke die Unterhaltung auf das Wesentliche. Immerhin schafft er es, im Verlauf des Gesprächs einige Punkte gutmachen, als er mich für meinen Versuch Chinesisch zu erlernen, lobt. Ich erwähne beiläufig, als er ausführt, dass dies für Amerikaner ja eher ungewöhnlich wäre, dass ich Europäer sei. Insbesondere gefällt mir, dass er dies am Akzent nicht sofort identifizieren konnte und mich zunächst für einen Landsmann gehalten haben musste. Der Punktestand erhöht sich weiter, als er mich daraufhin ausdrücklich auf meine gute Englische Aussprache hinweist. Mein Bewusstsein verdrängt die Tatsache, dass dies vermutlich nur der – eben typisch amerikanische – Versuch ist, nett zu sein. Wir kommen besser ins Gespräch während langsam die Startvorbereitungen ans laufen kommen.
Man kennt den Sermon der Stewardessen über Atemmasken die man zunächst sich selbst aufsetzt und, wenn noch eine aufzutreiben ist, erst dann etwaigen Kindern über den Kopf stülpen soll. Die Aufforderung, dann möglichst gleichmäßig zu atmen, finde ich besonders komisch. Ich stelle mir vor in einem abstürzenden Flugzeug bei Druckverlust zu sitzen, während um mich herum 156 weitere Passagiere konzentriert versuchen ihren Atem in einer Art Joga-Übung auf niedrigem Level zu halten. Sehr wahrscheinlich. Da ich und vermutlich auch mein neuer Freund aus den Staaten die Ansage bereits mehrere hundert Mal gehört haben, achten wir Unhöflicherweise nicht mehr darauf und fahren in unserer Unterhaltung fort. Jäh wird diese jedoch von der Stewardess unterbrochen, die mit den Worten „Hey guys listen to this and stop talking“ unsanft einschreitet. Meinem ansonsten recht wohlerzogenen Nachbarn entfahren die Worte „Fuck, what a bitch“, allerdings entschuldigt er sich sofort mehrmals bei mir für die unkontrollierte Verwendung solch unflätiger Sprache. Ich verzeihe ihm spontan von ganzem Herzen und hoffe nur die Stewardess hat ihn nicht gehört, wir müssten sonst wohl mit einem größeren Polizeiaufgebot am Ankunftsort rechnen.
Der weitere Flug nach Chicago verläuft – im Gegensatz zum sich dann anschließenden Teil – allerdings unspektakulär und wir kommen mit einer leichten Verspätung von 15 Minuten gegen 16:15 Uhr in O’Hare an. Kurz vor der Landung erleben wir noch einen wunderbaren Sonnenuntergang als sich die letzten Wolken einer schneebringenden Schlechtwetterfront in Richtung Westen verziehen. Ich bin guter Dinge denn die Zeit sollte knapp für meinen Anschlussflug nach Florida um 18:00 reichen….
- - - Ende Teil 1 - - -
*mein Vater erinnert sich sicherlich noch mit Freude and meine Erläuterungen zur „linksdrehenden Milchsäure“. Zum Zeitpunkt (10. Klasse) meiner komplett erfundenen, wenngleich offensichtlich äußerst glaubwürdigen Erklärung hatte ich keine Ahnung was Milchsäure ist, geschweige denn, warum sie sich ausgerechnet nach links dreht. Der Eindruck war leider bleibend, als ich das Lügengebäude aus Mitleid selbst zum Einsturz brachte stand von da ab mein Vater allen weiteren naturwissenschaftlichen Erklärungen meinerseits mit großer Skepsis gegenüber. Die Tatsache, dass ich später über ein verwandtes Thema (links- und rechtsdrehende Moleküle) promovieren sollte, half wenig. Ich befürchte, mein Vater hält meine Doktorarbeit für eine große Lüge, die ich geschickt meinem Professor glaubhaft machen konnte. Das ist natürlich ein völlig abwegiger Gedanke…
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andreas.koellnberger,
Donnerstag, 3. Dezember 2009, 17:12
Klasse!!!
Max, wie bereits angemerkt, sollte man dich zwingen wöchentlich einen Bericht abzuliefern!!!
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