Nächtlicher Blick auf den HuangPu-River und den 'Bund' von meinem Appartment aus

Mittwoch, 16. Dezember 2009
Wenn einer eine Reise tut oder Vom Regen in die Traufe (2)
Ich verlasse die abgewrackte 747 in Chicago O’Hare International Terminal und habe mit immerhin fast 2 Stunden genügend Zeit fürs Umsteigen, sollte jetzt nicht noch etwas Unvorhergesehenes passieren. Wie zum Beispiel die 12 Kilometer lange Schlange vor mir an der Immigration. Aus der Traum! Bei dieser Anzahl an Personen vor mir wird es unmöglich sein, den Flieger rechtzeitig zu erreichen – vom vorher anstehenden Wechsel der Terminals (international zu domestic) ganz zu schweigen. Ich versuche zu tricksen und spreche einen der uniformierten Beamten an, ob ich – aufgrund der Verspätung meiner Maschine und dem in Kürze erfolgenden Anschlussflug zu meiner Familie (das sollte wirken, schließlich ist in 4 Tagen Weihnachten) – nicht ein bisschen nach vorne könnte. Ich erkenne echtes Mitleid in seinem Ausdruck, höre aber die Worte „sorry, son, you gotta wait like all the others“. Mist, hat nicht geklappt, hätte mich aber zugegebenermaßen auch gewundert. Jedoch, nach ca. 2 Minuten Anstehen in den schier endlosen zick-zack-Reihen von Absperrbändern, wird ein weiterer Teil der Halle mit Beamten der Einwanderungsbehörde bestückt und es stehen ca. 20 unbesetzte Schalter zur Verfügung. Wie aber aus der Mitte der Schlange am Absperrband vorbeikommen, ohne verhaftet zu werden? Die Vorurteile über die Strenge der amerikanischen Immigration Officers sind ja weithin bekannt.
Vor mich tritt der Beamte von vorhin, öffnet – man glaubt es kaum – genau an meiner Stelle das Absperrband und winkt freundlich, mit den Augen zwinkernd in Richtung der offenen Schalter. Juhuu! Ich stürme los und bin nach weitern 2 Minuten immigriert und warte am Gepäckband 3 auf meinen Koffer. Countdown zum Weiterflug minus 1:35 – Max, das schaffst Du. Zumindest wenn das Gepäck bald kommt. Meine Stimmung ist bestens und ich freue mich auf den baldigen Weiterflug nach Ft. Myers, Florida, Land der Orangen und des warmen Winters.
Countdown minus 1:25, das Gepäckband Nummer 3 springt and und quälende Minuten lang kommt kein einziges Gepäckstück. Doch dann, endlich, der erste Koffer erscheint und ein langer Strom an Taschen, Koffern, Stoff- und Plastiktüten, Kartons und Golfbags erbricht sich auf das kreisende Band. Von den Umstehenden Personen nimmt keiner eines der Gepäckstücke auf, und auch mein Koffer ist bisher noch nicht erschienen.
Die Situation klärt sich nach kurzer Zeit auf. Die Passagiere aus Madrid mögen sich doch bitte an Band 3 begeben, da sich fälschlicherweise ihr Gepäck dort befindet. Vom benachbarten Band 4 höre ich ein mehrfaches „Que?“ und kurz darauf werden die aus Shanghai angekommenen Passagiere unsanft von madrilenischen Ellenbogen zur Seite geschoben.
Countdown minus 1:15, „Die Damen und Herren angekommen aus Shanghai, hier eine kurze Information zu Ihrem Gepäck. Aufgrund von Schwierigkeiten bei der Entladung Ihrer Gepäckstücke wird sich die Ausgabe noch wenige Zeit verzögern.“. Aha, klingt ja super, die Hoffnung auf eine kühles Bier zum lauen Sommerabend in Florida schwindet.
Countdown minus 1:05, der letzte Spanier hat seine Kiste Rioja vom Band abgeholt und selbiges stoppt. Leichte Frustration setzt ein und ich mache mir nun ernsthaft Sorgen um mein Weiterkommen.
Countdown minus 0:45, mir ist klar dass das Gepäck entweder jetzt kommt, oder mein Flieger fliegt ohne mich.
Countdown minus 0:15, mein Flieger fliegt ohne mich. Wenn er nicht Verspätung hat, aber wer glaub schon an ein solches Wunder.
Countdown plus 0:10, „Meine Damen und Herren am Band 3, der Flieger aus Shanghai hat leider vereiste Gepäcktüren, weshalb sich das Entladen…“. Den Rest des Satzes nehme ich nicht mehr war, denn mein Kopf droht zu platzen! Was ist das denn?!? Vereiste Türen?!? In Chicago?!? Der Stadt, in der gefühlte 11 Monate im Jahr Temperaturen unter Null Grad Celsius herrschen!?! Damit war natürlich nicht zu rechnen ihr A………...rmleuchter.

Ich stelle mir klischeehaft vor wie zwei dicke Uniformierte des Chicagoer Flughafenpersonals (mit Sonnenbrille trotz Schneetreibens) die Türen unseres Flugzeugs untersuchen und sich wie folgt unterhalten:
„Jack, verdammt, ich glaube meine ist vereist“
„Verdammt, John, meine auch“
„Was jetzt, Jack, verdammt“
„Ich hab verdammt noch mal keine Ahnung, John“
„Ich glaube es hilft nichts, wir müssen die Kollegen vom Enteisungsservice dazurufen, Jack“
„Verdammt Jack, Du machst mir Angst. Wirklich, den Enteisungsservice?“
„Ich bin John, Du bist Jack – verdammt Jack, reiß Dich jetzt zusammen“
„Sorry, verdammt“
„Schon gut Jack, ja, ich glaube Jack, der Enteisungsservice, wir haben keine verdammte andere Wahl.“
„Ok John, ich schätze Du hast Recht, verdammt“


Geschlagenen 2 Stunden und 30 Minuten nach dem Verlassen des Flugzeuges rollt das Gepäck vom Band und auch mein Koffer erblickt das Licht der Gepäckhalle und wird von mir schleunigst durch den Zoll bugsiert.
Mit viel Glück hat mein Flug nach Ft. Myers Verspätung und ich komme noch rechtzeitig. Augenblicke später stirbt diese Hoffnung einen unspektakulären Tod: da ich noch nicht im Besitz eines Weiterflugtickets bin und mich am Schalter anstelle um dieses jetzt zu erhalten, erfahre ich aus erster Hand, dass sich mein Flieger bereits in Reisehöhe mit Kurs gen Süden befindet.
Welche Alternativen bestehen? Erstens, 24 Stunden in Chicago warten bis die nächste Maschine morgen Abend nach Ft. Myers geht (der einzige Direktflug von Chicago), gaaaaanz toll. Zweitens, morgen früh von Chicago nach Philadelphia, von dort nach kurzem Aufenthalt (eine knappe Stunde) weiter nach Ft. Myers. Ich frage nach den aktuellen Temperaturen in Philadelphia. Die Frau von United Airlines blickt mich unverständig an, ich hätte doch nur eine knappe Stunde vor Ort, das sei gerade mal genug zum Umsteigen, da waere es doch egal wie die Temperaturen vor Ort sind. „Nicht wenn die Gepäcktüren vereist sind!“, herrsche ich die Dame an.
Die dritte Möglichkeit scheint am ehesten geeignet. Ich nehme heute abend noch einen Flug nach Phili um dann morgen früh von dort aus nach Florida weiter zu fliegen. Übernachtung auf Kosten von United in Phili inclusive.
Gesagt – getan, kurz darauf verlasse ich das internationale Terminal von O’Hare und gelange bei schlappen minus 18 Grad Celsius zur Abflughalle für nationale Flüge. Ich habe noch weitere 3 Stunden zur Verfügung, bis mein Flieger kurz nach 22 Uhr in Richtung Philadelphia aufbrechen soll. Die Lounge der United Airlines hat mich eingeladen kurz vorbeizuschauen und ich komme dieser Aufforderung gerne nach. Die letzten Stunden, der lange Flug, sowie die Zeitverschiebung von immerhin 12 Stunden haben ihre Spuren hinterlassen und ich freue mich auf ein kühles Freibierchen in der gemütlichen Atmosphäre der Business-Lounge.

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Servus Max,

Deine Geschichten sind immer wieder super zu lesen, an dieses Eloquenzniveau wird ein Oberpfälzer nie rankommen. Wir wünschen Dir alles Gute für das neue Jahr, keine anstrengenden Flüge und freuen uns schon auf die nächste Geschichte.

Viele Grüße,

Martin und Renate

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